Wie Schrottwichteln zaubern kann


Schrottwichteln?!? Vielleicht ist das nicht jedem bekannt, aber unsere neue Gastautorin beschreibt in ihrer Geschichte genau, worum es sich dabei handelt. Viel Spaß beim Lesen!



Wie Schrottwichteln zaubern kann

Wir trafen uns, wie jeden Donnerstag, zu unserem Kartenspieler-Nachmittag. Und doch war dieser Donnerstag ein besonderer Tag, denn es war unsere gemeinsame Weihnachtsfeier und unser letztes Treffen in diesem Jahr.

Der kleine Raum in der Kulturscheune war weihnachtlich geschmückt. In den sonst geschlossenen Schwingtüren, die aus zwei einen Raum machen konnten, stand ein gerade gewachsener und schön geschmückter Tannenbaum. Auf den Tischen lagen weihnachtliche Decken und Gestecke mit Teelichtern.

Die herzliche Umarmung meiner Mitspielerinnen mit Küsschen auf die Wange bei der Begrüßung  überraschte mich wieder, wie jedes Mal. Ich spürte, dass alle froh waren, sich wiederzusehen. Meine Mitspielerinnen, teilweise hochbetagt, abgeklärt, aber fit, erfüllten mit erwartungsfrohen Getuschel und Gewisper den Raum. Unser fleißiges Lieschen brach in ein geschäftiges Treiben aus, denn der Bürgermeister hatte sich zur Weihnachtsfeier angesagt.

Ein jeder hatte Plätzchen mitgebracht, selbstgebackene oder auch gekaufte. Diese wurden auf mehreren bunten Weihnachtstellern angerichtet. Einige packten auch Flaschen aus, die mit selbst hergestellten Likören oder Schnäpsen gefüllt waren. Bis jeder sich hingesetzt hatte, zog schon ein duftendes Kaffeearoma durch den Raum. Die Kerzen wurden angezündet. Und genau zum richtigen Zeitpunkt erschien unser Bürgermeister. Mit großem Hallo wurde er von den Älteren und von uns Jüngeren mit Respekt begrüßt. Scherzworte wurden gewechselt, kam er doch auch mit einem großen Paket. Wie sich herausstellte, war darin eine neue kombinierte Kaffee- Teemaschine mit zwei Kannen, damit auch in Zukunft nicht nur wir Kaffeetrinker auf unsere Kosten kamen, sondern auch die Teetrinker. Die allgemeine Freude war groß.

Bald füllte ein gemütliches und frohes Geschnatter den Raum, nur ab und zu durch Weihnachtslieder, Geschichten und Gedichte unterbrochen. Nach einer Stunde wurden einige Kartenspielerinnen unruhig und auf einmal lag eine gewisse Spannung in der Luft.  Ein riesiger Karton, in dem ein Kühlschrank oder Waschmaschine Platz gefunden hätte, wurde hereingetragen. In diesem Karton befanden sich unsere mitgebrachten Geschenke für das Schrottwichteln.,

Jede Teilnehmerin hatte von zu Hause einen überflüssigen, nur Staub ansetzenden, Gegenstand mitgebracht, der nicht etwa in Weihnachtspapier eingepackt worden war, sondern extra in Zeitungspapier. Alle Päckchen sollte einheitlich aussehen, außer von Größe und Form. Jeder hatte vorher draußen im Flur heimlich sein Mitgebrachtes in diesem Karton verstaut.

Ein Spiel begann, das nicht nur lustig war, sondern auch den Lautstärkepegel erhöhte.
Ein Würfel wurde reihum gereicht und jeder durfte einmal würfeln. Bei einer 6 durfte derjenige sich ein Paket aus dem Karton holen und schied dadurch sogleich aus der 1. Spielrunde aus. Es wurden solange Sechsen gewürfelt, bis jeder Mitspieler ein Geschenk vor sich stehen hatte. Dann packte jeder sein erspieltes Geschenk aus.

Es gab freudige Überraschung oder auch ein langes Gesicht, was aber nichts zu heißen hatte, denn das Spiel war noch nicht beendet, es folgte eine zweite Runde.

Eine Zeit wurde festgelegt, bei der der Würfel wieder reihum ging. Wurde eine 3 gewürfelt rückte das Geschenk einen Platz weiter nach links, bei einer 6 durfte der Spieler, der gewürfelt hat, sein Geschenk mit einer Mitspielerin tauschen, gegen ein Geschenk, das ihm besser gefiel.
Heiß begehrt war ein Teddybär, ein wirklich niedlicher Kerl, der, ich weiß nicht wie oft, den Tisch kreuz die quer bei einer Sechs überquerte. Kurz vor Spielende hielt ich ihn in meinen Händen. Während der Würfel wieder weitergereicht wurde, dachte ich an meinen Enkel, der im Februar auf die Welt kommen sollte... Und schon wieder war ich an der Reihe. Fünfundvierzig Sekunden vor dem Spieleende verspielte ich mit einer 3 mein Glück. Der Teddybär wanderte im Uhrzeigersinn, einen Platz weiter nach links, und der Wecker klingelte erbarmungslos.

Der Verlust schmerzte mich im ersten Moment, dann aber überkam mich ein warmes Gefühl des Glücks in dieser Gemeinschaft zu sitzen. Das lachende Gesicht des Bürgermeisters, der den Teddy in seinen Händen hielt, und das jugendliche Gegicker und Gegacker meiner Mitspielerinnen. Wie sie so saßen, mit roten Wangen und vor Freude strahlenden Gesichtern. Da saßen keine 70- , 80- und 90-Jährigen mehr, wie verzaubert, saßen rund um den großen Tisch nur noch junge Mädels. 

©diekleinebenzmann