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Diesmal veröffentlichen wir das Gedicht "Der Erlkönig" von Johann Wolfgang von Goethe in einer plattdeutschen Übersetzung von Hans Sasse.

Foto: Bernhard Mayr/Bildvergrößerung durch Klick auf das Bild

Der Erlkönig

Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?
Es ist der Vater mit seinem Kind;
Er hat den Knaben wohl in dem Arm,
Er fasst ihn sicher, er hält ihn warm.

Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –
Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?
Den Erlenkönig mit Kron’ und Schweif? –
Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

„Du liebes Kind, komm, geh mit mir!
Gar schöne Spiele spiel’ ich mit dir;
Manch’ bunte Blumen sind an dem Strand,
Meine Mutter hat manch gülden Gewand.“ –

Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlenkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind. –

„Willst, feiner Knabe, du mit mir gehn?
Meine Töchter sollen dich warten schön;
Meine Töchter führen den nächtlichen Reihn
Und wiegen und tanzen und singen dich ein.“ –

Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort
Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –
Mein Sohn, mein Sohn, ich seh’ es genau:
Es scheinen die alten Weiden so grau. –

„Ich liebe dich, mich reizt deine schöne Gestalt;
Und bist du nicht willig, so brauch’ ich Gewalt.“ –
Mein Vater, mein Vater, jetzt faßt er mich an!
Erlkönig hat mir ein Leids getan! –

Dem Vater grauset’s; er reitet geschwind,
Er hält in Armen das ächzende Kind,
Erreicht den Hof mit Mühe und Not;
In seinen Armen das Kind war tot.

Johann Wolfgang von Goethe

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Iärlkünning

Well ritt so lat düör Nacht un Wind?
De Vader is‘t met‘n halwüssig Kind;
He häölt den Jungen guet fast in‘n Arm,
He häölt‘n sieker, he häölt‘n auk warm. -

Mien Suon, wat verstiärks du transneert dien Gesicht? -
Sühs, Vader, du den Iärlkünning nicht;
Den Iärlenkünning met Kron un äerlanger Sliep: -
Mien Suon, dat ist män ‘n Niewelstriep. -

„Du leiwet Kind, kuem gaoh mit mi!
Alatte Spioele spiel ik met di;
Bunte Blomen staoht an‘n Strand;
Miene Moder hät‘n gülden Gewand.“

Mien Vader, mien Vader, häs du denn nich hört,
Wat Iärlenkünning sachte mi vörküern dööt? -
Si ruhig, bliew ruhig, mien Suon!
Müöre Blaer raspelt dao ächten am Tuun. -

Wuss, finet Jüngsken, nicht met mi gaon?
Miene Döchter wocht bi mi op‘n Taon;
Se danzt met di, flattert di auk fien,
ün weiget un singet passlatant die dann in.“

Mien Vader, mien Vader, sühs du se nich staon
Iärlkünnings Döchter an‘n düsteren Taon? -
Mien Suon, mien Suon, ik saih et apatt;
Dao schient bloss de aollen Wieden so swatt. -

„Ik leiwe di, sin grell op diene stracke Gestaolt;
Un kümms nich friwillig, dann bruuk ik Gewaolt.“ -
Mien Vader, he gripp mi, he nimp mi den Aom!
Iärlkünning hat mi ‘n Leed nu andaon! -

Den Vader wätt‘t grülik. He ritt gau parfuors,
Häölt fast dat stüenende Kind för de Buorst,
Kümp an op‘n Hoff, ächter Aom ganz bienaut;
Dat Jüngsken in‘n Arm, dat Jüngsken was daut.

übersetzt von Hans Sasse


Foto: Bernhard Mayr/www.pixelio.de