Gedanken zum Sonntag

"Was können wir daraus lernen?" ist das Thema der "Gedanken zum Sonntag" von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg .

Foto: S. Hofschlaeger/pixelio.de

„Was können wir daraus lernen?“

Als junge Religionslehrerin  kam ich1963  in ein sehr freundliches  kleines Kollegium in Herne.

Da die anderen Kollegen/innen wesentlich älter waren als ich, wollten sie mir gern zur Seite stehen und mich an ihren pädagogischen Einsichten teilhaben lassen.

Wir hatten zu der Zeit noch nicht die Einteilung in  Primar- und Sekundarstufe, sondern die breite Palette der Schüler von 6 bis 15 Jahren an der allgemeinen Volksschule.

Unser Schulleiter brachte mir als Erstes bei: „Respekt ist das Wichtigste, immer schön streng sein, nachlassen kann man immer noch.“

Als zweite wichtige pädagogische Maßnahme empfahl er: „Wenn der Lehrer in die Klasse kommt, müssen alle Schüler  aufstehen und den Lehrer mit Namen begrüßen und auch noch beim anschließenden Morgenlied stehen bleiben, beim Gebet sowieso. Aufstehen ist wichtig, auch wenn der Schüler eine Antwort gibt.“

Außer diesen für ihn so wichtigen Tipps zeigte er mir, dass ich voll mit seiner Unterstützung rechnen konnte. In der ersten Zeit meiner Unterrichtstätigkeit an seiner Schule begleitete er mich. Das gestaltete sich so:  Er betrat  in höheren Klassen  immer zusammen mit mir den Klassenraum. Die Klassentüren standen vor Beginn des Unterrichts offen und ein Schüler hielt Wache. Wenn dann der Lehrer kam, in diesem Fall unser Schulleiter mit mir, stand die ganze Klasse auf und der an der Tür stehende Schüler schloss hinter uns die Tür. Nach dem Morgengruß, Morgengebet, Morgenlied und „setzt Euch“, ließ er mich allein. Ich begann dann meinen Unterricht.  Sicher hat mir seine Autorität, die dann wie Engelsflügel hinter meinem Rücken flatterten, geholfen, denn ich habe diese Zeit an der Dietrichschule in Herne in  guter Erinnerung.

In  Erinnerung habe ich auch noch eine andere pädagogische Erkenntnis, die er mir vermittelte: „Zum Schluss  jeder Religionsstunde müssen Sie fragen: Was können wir daraus lernen?“

Ich hatte zwar noch keine große religionspädagogische Erfahrung, aber in den Unterrichtsstunden, die wir in unserer  Ausbildung halten mussten, war diese Art der Fragestellung nicht vorgesehen.

Und deshalb habe ich am Ende meiner jeweiligen Unterrichtsstunden auch nie gefragt: „Was können wir daraus lernen?“  Aber dass ihm das wichtig war und auch seine mich behütende Freundlichkeit berührt mich heute noch.

„Was können wir daraus lernen?“

Auch wenn das kein Religionslehrer  fragen wird, ist es  doch das Ziel jeden Religionsunterrichtes, Lernprozesse in Gang zu setzen. Vor allem Lernen von Toleranz, Lernen von Mitverantwortung, Entwicklung von sozialem Engagement,

Entwicklung der Fähigkeit zur Nächstenliebe, Fähigkeit zum Mitleiden, Entwicklung der Fähigkeit zum Frieden beizutragen und zur Vermeidung von Hass und Streit und das auf der Grundlage unseres christlichen Glaubens.

„Was können wir daraus lernen?“, habe ich also nie gefragt. Und trotzdem durfte ich in meiner Zeit an der Augustin-Wibbelt-Grundschule in Vorhelm Anfang 2000  erleben, dass ein Schüler  ganz mächtig daran zu knacken hatte, weil er  etwas gelernt hatte und es nicht wirklich umsetzen konnte.

Es gab auf dem Schulhof eine „Kloppe“. Es bildeten sich zwei Gruppen. Zwei Schüler waren die Hauptakteure. Die um sie herum stehenden Kinder feuerten sie an oder schauten nur zu.

Meine Kollegin, die Pausenaufsicht hatte, griff ein und schaffte es, die sich streitenden Jungen  jeweils in eine andere Ecke des Schulhofes zu verbannen. 

Als der Gong das Pausenende ankündigte, lief einer der beiden Streitenden auf meine Kollegin zu: „Bitte, sagen Sie  Frau Blomberg nicht, dass ich mich eben gekloppt habe. Wir sprechen nämlich im Religionsunterricht gerade über den Frieden!“ 

 

Ich  wünsche Ihnen einen schönen, friedlichen Sonntag! 

               Ihre und Eure Ilse Blomberg