Manfred Pieske: Goethe in Teltow?

War der Dichterfürst Goethe wirklich in Teltow und wenn ja, warum? Darüber schreibt unser Gastautor Manfred Pieske in seiner Geschichte.

Manfred Pieske

ISBN 978-3936607543

GOETHE IN TELTOW?

EINE EINZIGARTIGE GESCHMACKLOSIGKEIT wäre das wohl: Teltower Geschichten, in denen keine einzige Teltower Rübe vorkäme. Das erste Rübchen, dem ich begegnete, nahm ich hin voll Ehrfurcht. An jenem Tag fand geradezu ein rituales Naturereignis statt, vor dem man einen Diener zu machen hat. Weil das Rübchen doch so berühmt ist. Oder - wir wollen bei der unübertriebenen Wahrheit bleiben – dies einmal war.  
Im schönen Ruhlsdorfer Landhotel Hammer zu einem Rübchen-Essen eingeladen, war meine Erwartung groß, während ich mir, bar jeder Kenntnis, die alles entscheidende Frage stellte: Wie esse ich die ruhmreiche Rübe stilecht? Wachsam sah ich auf den Teller, der vor mir voll gediegener Langsamkeit platziert wurde. Was für ein Vorgang. Was für eine Gespanntheit auch um mich herum: Seine HEILIGKEIT, DAS RÜBCHEN, war unter uns getreten und wollte bewundert werden.
So schrieb ich in mein Notizbuch nebenher, als es schon ein Oh und Ach gab. Und auch ich schob die Nase vor, um erste Gerüche in Empfang zu nehmen. Wie gut sortiert es doch auf dem Teller drapiert dalag; dies in angemessener Entfernung von dem Stück Fleisch und den anderen Gewöhnlichkeiten wie Kartoffeln und Soße, von Dingen, die nicht mehr als satt machen, aber halt zu einer Mahlzeit gehören.  
„Nun ja“, sagte Rübchenkönig Günter Duwe, der einen Vortrag über das Rübchen gehalten hatte und nun neben mir saß, und auch er, obwohl doch ein langgedienter Kenner der ehrbaren Wurzel, schnüffelte über das servierte Gericht hin. Um mich her ein Aufleuchten in den Augen. Und erneut ein Ah! Diesmal nur inbrünstiger, langatmiger. „Ah, da ist es ja!“
Das waren erste bekennende, begeisterte Rufe, die bei mir nicht ohne Wirkung blieben, und ich sah genauer hin. Beigefarben lagen wie hingestreckt, wie erlegt, sechs  Exemplare auf den Tellern jeweils, betröpfelt mit karamellisiertem, leicht gebräuntem Zucker. Alles andere war Beiwerk. Und dann war die heilige Handlung schon vollzogen: beherzt hatte Duwe zu Messer und Gabel gegriffen, hatte den ersten Schnitt getan. Dann der erste Biss. Welch ein Drehen und Wenden im Munde. Ein bedächtiges Wiegen des Kopfes, die Augen nun geschlossen. Duwe ließ den Geschmack auf sich wirken. Die Spannung stieg. Auch meine Nase, nun abgesenkt, noch näher dem Gemüse zugewandt, schnüffelte, um im Kreise der Vereinsexperten, die mich mit zu Tische gebeten hatten, nicht allzu unwissend dazusitzen. Was für ein ungewohnter Duft, eine leicht strenge, würzige Note, die vom Teller her aufstieg.
 „Ja“, sagte Duwe nach einer guten, dem feierlichen Augenblick angemessenen Weile. „Jaaa!?“
Ringsum noch immer Schweigen. Was für eine verhaltene Unentschiedenheit. Aber die Prüfung ging gut aus. „Jaaa!“ rief Duwe. „Jaaaa! Pikant, eine milde Schärfe, bissfest! Alles da, alles wunderbar.“
Das Urteil war gesprochen, ein historisches Ereignis am 17.11.1998, zu dem der Heimatverein eingeladen hatte. Zu Tische saßen Leute, die gewillt waren, etwas für die Wiedergeburt des Teltower Rübchens zu tun, nachdem Duwe einen bemerkenswerten Rübchen-Vortrag gehalten hatte. Unter den Zuhörern Bürgermeister Kluge, Kommunalpolitiker, Rübchen-Freunde, Journalisten. Ringsum Beifall, das Signal für die Gäste: Jetzt darf auf die Rübchen eingestochen werden.
Da meine erste Ernüchterung. Was war denn das? Das schmeckte ja wie etwas, das, das – nun sagen wir einmal: mir fehlten die Worte –, das man, weißgott: einfach noch nicht auf der Zunge hatte. Jedenfalls nicht ich. Nein, da konnte einer wie ich nicht einfach des Wegs kommen und es in sich hineinstopfen. Der Geschmack war gewöhnungsbedürftig. Was für eine erdige Geschmackskomponente mit meerrettichhaften Ausläufern, die jedermann nicht umgehend in einen Genussrausch fallen lässt. Aber bald triumphierte die leichte, feine, pikante Schärfe, die Zunge und Gaumen erfreute. Nicht schlecht! Wirklich, nicht schlicht!
Aber dann das Nachspiel, zu späterer Stunde, als ich schon wieder zu Hause war. Da plötzlich eine ungewohnte Drängelei im Darm. Das rumorte und blähte. Das pfiff dort unten unfein, ja höchst rustikal herum, und das wollte gar nicht enden, und ich schwor mir, bei der nächsten Begegnung mit dem Rübchen vorsichtiger zu sein, nicht allzu ausgiebig zuzulangen, zumindest nicht noch auf einen Nachschlag auszusein; wie es geschehen war, weil die anderen Gäste dies auch getan hatten.
Derlei Gelegenheiten gab es ja auch nicht oft. In manch einem Jahr fiel die Ernte karg aus. In anderen Jahren wieder war rein gar nichts da, das Rübchen ist nun einmal ein Sensibelchen. Im August gesät, braucht es nicht zu viel, nicht zu wenig Sonne und Feuchtigkeit, eine gute Mischung, sonst gedeiht es schlecht. Oder die Kohlfliege, der schlimmste Feind der Rübe, sorgt für zuviel Wurmbefall. Das ist immer wieder spannend, und der Anstich nach acht, neun Wochen bringt es dann an den Tag. So gab es Ende September manch ein „Rübchen-Fest“ ohne Rübchen. Oder zumindest mit einem Minimum. Leute, die deswegen extra nach Ruhlsdorf zum Rübchenfest gekommen waren, zankten dann mit Rübchenbauer Axel Szilleweit. Aber was sollte der machen? War er vielleicht der Wettergott? So durfte jeder, der darauf aus war, einen Korb Rübchen mit nach Hause zu nehmen, zum Trost eine Rübchensuppe verkosten. Eine Köstlichkeit. Was für eine pikante Würze. Welch eine Raffinesse, zubereitet nach alten Rezepten, auch mit einem Schuss Weißwein drin. Ein Genuss pur. Aber das machte die Leute noch wütiger: Solch ein feines, Appetit machendes Süppchen, und dann keine einzige Rübe dahaben, zum Mitnehmen. Statt dessen von der Dorfbühne herunter schabernackhaft bloß eine Gute-Laune-Musik, freiweg ein bisschen falsch Geblasenes. Jedes Jahr wieder das große Zittern: Wird es was oder wird es nichts mit den Rübchen? Selbst Minister, aus Potsdam angereist und Lobreden schwingend auf das berühmte Rübchen, gingen in solchen Jahren leer  aus. Oder sie erhielten einen Korb mit Rübchen, die nicht „ächt“ waren. Die Rübchen mussten schon vom hiesigen Landstrich kommen, gewachsen auf leicht lehmigem Sand, der relativ nährstoffarm und locker war, so dass  dies Wurzelgemüse kleinwüchsig blieb und den charakteristischen, höchst spezifischen Geschmack entfalten konnte. Vermutlich kamen die „Unächten“ aus der Hamburger Ecke, wie Günter Duwe grollend rief, und er sprang aus dem Anzug, gleichsam, wenn ihm  auf Berliner Wochenmärkten die dicken, runden Gatower Kugeln als TELTOWER RÜBCHEN angepriesen wurden. Das grenzte für Rübchenkönig Günter I. an Majestätsbeleidigung, und er drohte den Marktleuten mit anwaltlicher, unbarmherziger Verfolgung: wegen Betrugs, Verleumdung und anderer geschäftstüchtiger Schlechtigkeiten.  
Aber was half das schon? Immer wieder solche Verletzungen des Markenschutzes. Und oft genug die Verwechselung mit der Mairübe Petrowski. Ein Verein musste her, der sich um das echte Teltower Rübchen kümmerte, ein Förderverein, der dem Ruhm des Rübchens wieder auf die Beine half. 1999, ein Jahr nach dem ersten großen Rübchen-Festschmaus, gegründet, richtet der aber nicht viel aus. Der Bedarf wuchs. Aber nicht das Anbaugebiet. Trotz allem indes: das Teltower Rübchenfest, alljährlich Ende September stattfindend, sorgte für Zulauf. Rund um HAMMERS LANDHOTEL ging es fröhlich zu, und das Rübchen war der Held des Nachmittags. Solange der Vorrat nach dem ersten Anstich reichte.
Um so mehr machte es zunehmend von sich reden. Erste Lebenszeichnen auf den Speisenkarten der Gastronome des Umlands wieder, seine Anwesenheit bald schon auf Wochenmärkten. Sogar auf der GRÜNEN WOCHE löffelten die Besucher Rübchensuppe. Ja, damit nicht genug: Leute, die von der Berühmtheit des Rübchen gehört hatten, griffen in den Korb hinein, um das konische Stück Wurzel zu befühlen, um seine schrundige Haut, seine Riefen, die dünnfaserigen Nebenwurzeln abzutasten. Und dann verkosteten sie dies, oh, wie bemerkenswert, unerschrocken sogar roh.  Und fragten nach Goethe. Ob es wahr sei, dass der Dichterfürst tatsächlich diese murkeligen Dinger gegessen habe.
„Nun ja“, antwortete ich jedesmal, um die etwas abschätzige Bemerkung herunterzuspielen. „Was hat der alte Herr nicht alles verdrückt. Jawohl, sogar diese Rübchen.“
Ein anderes Mal stand auf der Grünen Woche ein großer Goethe-Verehrer vor mir und wollte tatsächlich wissen, ob Johann Wolfgang von Goethe jedes Jahr nach Teltow gereist sei. „Goethe in Teltow? Wozu?“ fragte ich verblüfft. „Na, wegen der Teltower Rübchen. “
Was für eine großartige Mitteilung. Aber leider musste ich dementieren. Nein, Goethe sei nie in Teltow gewesen. Selbst Berlin habe er nur einmal die Ehre seines Besuchs erwiesen, und dort, ja, dem könne zugestimmt werden, dort habe er die Rübchen kennen gelernt und sich diese fortan per Postkutsche ins Thüringische schaffen lassen.
„Schade“, sagte der Mann. Sonst wäre auch er einmal nach Teltow gekommen. Zwecks Spurensuche. Um womöglich sensationelle Goethische Werkbezüge zu ergründen. „Schade, schade.“ Und schon ging der große Goethe-Freund von dannen. Ohne die Rübchen noch eines Blickes zu würdigen.

Diese Geschichte von Manfred Pieske stammt aus seinem Buch "Als Teltow neu erfunden wurde"