Ilse W. Blomberg: "Der Geburtstag"

Wir veröffentlichen einmal im Monat eine Geschichte von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg. Diesmal ist es die Geschichte "Der Geburtstag" - Schulgeschichten aus ihrem Buch "Er teilte uns gerne ein in süße Gurken und saure Gurken".

Ilse w. Blomberg

ISBN 978-3-8391-0483-5

Der Geburtstag

Im dritten Schuljahr (1950 / 1951) bekam unsere Klasse eine Lehrerin. Ihr Name war Fräulein Elfriede Schulte. Sie war eine Lehrerin von 57 Jahren. Das weiß ich so genau, weil wir ihren Geburtstag ganz groß feierten. Jeder von uns hatte etwas mitgebracht und auf ihr Lehrerpult gelegt. Das Pult war voller Blumen, denn der Geburtstag war im Sommer. Mitten zwischen  den Blumen lag ein Rehrücken, den Waltraud Neumann zusammen mit ihrer Mutter gebacken hatte.
Als Fräulein Schulte in die Klasse kam, staunte sie sehr und freute sich. Wir aber hatten noch eine Freude für sie. Vor Beginn des Unterrichts, unbemerkt von ihr und mit Wissen des Hausmeisters, hatten wir uns in die Klasse geschlichen und die Klapptafel von innen mit Hingabe und Liebe phantasievoll ausgemalt. In der Mitte prangte ein großes Herz. In das Herz hinein hatten wir folgenden Spruch geschrieben:
“Fräulein Schulte soll leben,
Fräulein Schulte soll schweben
und uns drei Tage keine Schularbeiten aufgeben!”

Unter dem Herz stand zu lesen: “Herzlichen Glückwunsch zum 57. Geburtstag!”
Die Zahl 57 war recht dick und bunt ausgeschmückt.
Noch war die Tafel zugeklappt. An beiden Enden der Tafel standen aber schon zwei Mädchen bereit, auf ein Stichwort hin die Tafel zu öffnen.

Wir sangen:    “Viel Glück und viel Segen  auf all deinen Wegen.
                        Gesundheit und Wohlstand sei auch mit dabei.”

Und dann sangen wir noch: “Hoch soll sie leben, hoch soll sie leben, dreimal hoch!”   Das war das Stichwort.
Ganz allmählich öffneten Gerda und Gisela die Tafel. Ich sah unsere Lehrerin gespannt an und dachte: “So einen schönen Geburtstag hat sicher nicht jede Lehrerin.” Ich denke, das fand Fräulein Elfriede Schulte auch.
Aber irgendwie war ihr Gesicht nicht mehr ganz so weich, als sie zur Tafel blickte. Und dann kam es aus ihr heraus. Sie nahm den Schwamm, wischte die Zahl 57 weg und sagte: “Das könnt ihr ja noch nicht so wissen, aber das Alter einer Dame erwähnt man nicht.”
Das habe ich mir bis heute gemerkt.

Ilse W. Blomberg