Bei anderen gelesen: "Eine Reise ins Paradies"
- Allgemeines
Eine Geschichte von Jörg Wickram. Viel Spaß beim Lesen!
Eine Reise ins Paradies
EIN armer Student, der wenig Geld in der Tasche hatte und übrigens seine Füße lieber unter einen vollen Tisch als die Nase in seine Bücher steckte, kam eines Tages in einem rheinischen Dorf vor das Haus eines reichen Bauern.
Dieser war nicht daheim, sondern in das Holz gefahren, aber seine Frau stand am Gartenzaun und hing die Wäsche auf. Wer er sei und wo er herkomme, fragte sie den Studenten.
„Ich bin“, antwortete er, durch das Türlein hereintretend, „ein armer Schüler und komme aus Paris.“
„Wie?“, sagte sie und setzte ihren Korb auf die Erde, „Ihr kommt aus dem Paradies?“ „Geraden Weges, liebe Frau“, sprach der Student, der merkte, wen er vor sich hatte und blickte mit bescheidenem Ernst zu Boden.
„Lieber, guter Freund“, sagte die Bäuerin und zog ihn am Ärmel mit sich fort, „kommt mit mir in die Stube, ich muß noch einiges von Euch wissen. Ich habe nämlich“, fuhr sie fort, nachdem sie ihn auf der Ofenbank hatte niedersitzen lassen, „schon einmal einen Mann gehabt, der Hans geheißen hat und mir vor drei Jahren fortgestorben ist. Ach, du mein lieber Hans! Gott tröste deine liebe Seele! Ich weiß, dass er im Paradies ist, denn er war immer ein frommer Mensch. Habt Ihr ihn denn nicht gesehen dort, oder kenn Ihr ihn nicht, lieber Herr?“
„Wie heißt er denn mit seinem Zunamen?“, fragte der Student und begann sich zu sinnen.
„Hans Gutschaf hat man ihn geheißen“, sagte sie; „er schielt ein wenig.“ „Aber freilich“, rief der Student vergnügt und schlug sich auf die Knie, „jetzt kenn ich ihn gleich, das ist ja unser scheeler Hennes!“ „Ei, lieber Junge“, jubelte die Frau, „wie geht’s meinem guten Hennes?“
„Schlecht genug“, sagte der Student mit umflorten Augen und blickte auf seine Fäuste nieder, „er hat ja weder Geld noch Kleider mitgebracht, der arme Kerl. Er wäre Hungers verblichen, wenn sich nicht ein paar gute Gesellen seiner angenommen hätten; denen holt er Wein und Brot, wenn sie zusammensitzen wollen, und schenkt ihnen ein.“
Da begann die Bäuerin sehr zu weinen. „Ach, du mein Hennes!“, schluchzte sie, „bei mir hast du keinen Mangel gelitten und nun frierst und hungerst du in jener Welt! Hätt’ ich es nur gewusst, ich hätte dich wohl versorgt mit Kleidern und mit Geld, denn es ist ja mit Gottes Gnaden alles noch da. Hätte ich nur einen Boten, ich wollte dir alles schicken und keinen geringen Zehrpfennig dazu.“
„Faßt euch, liebe Frau“, sagte der Student bewegt, „wenn es nur an einem Boten fehlt, so kann Euch geholfen werden, denn ich will Euch selber den Gefallen tun und es ihm hinbringen, ich muß demnächst ohnehin wieder ins Paradies und ein paar Kameraden Geld bringen.“
Da ward die Bäuerin froh, tischte dem Studenten zu essen und zu trinken auf und hieß ihn zulangen; sie wollte unterdes, wie sie sagte, Kleider und Wäsche für ihren Hennes zusammensuchen. Damit ging sie hinauf in die Kammer an den großen Schrank, nahm zwei Paar Hosen heraus und den guten gefütterten Rock, dazu etliche Hemden und Sacktücher, band eine Handvoll Gold und Silbergulden, in ein weißes Tüchlein geknotet, dazu, brachte das Bündel dem Studenten herunter und schenkte ihm noch ein paar Groschen, damit er alles brav ausrichte.
Der wischte sich den Mund, schnallte sich seine Bürde auf den Rücken, dankte der Frau von Herzen, zugleich im Namen des scheelen Hennes, wie er scherzte, schwenkte den Hut und zog davon.
Nicht lange danach kam der Bauer aus dem Holz gefahren.
„Wunder haben sich begeben“, rief die Frau und sprang ihm an das Hoftor entgegen, „Wunder, lieber Hauswirt, denn es war ein Mann hier, der geradewegs aus dem Paradiese kam und kannte meinen seligen Hennes wohl. Aber es geht ihm schlecht, hat er gesagt, er leide großen Mangel dort; darum habe ich ihm seine Kleider geschickt und seine Hemden und eine Handvoll Gold und Silbergulden dazu, denn er geht nun wieder hin.“
„In die Hölle geht er!“, schrie der Bauer, „und dazu will ich ihm helfen, zog seinen besten Hengst aus dem Stall, saß auf und sprengte hinter dem Boten her. Aber der war auf seiner Hut. Als er den Bauern hinter sich die Straße herausgaloppieren hörte, warf er sein Bündel in einen Busch am Graben, nahm eine Schippe, die der Straßenwärter dort hatte liegen lassen, zur Hand und stellte sich fleißig.
Ob er nicht einen jungen Kerl mit einem Bündel auf dem Rücken gesehen habe, fragte der Bauer, den Gaul zügelnd.
„Eben war einer hier“, sagte der Student, „aber wie er Euch kommen sah, ist er über den Graben gesprungen und in den Busch gerannt.“
„Halte mir den Häuter“, sagte der Bauer, „gleich werde ich ihn haben“, sprang aus dem Sattel und rannte in den Busch.
„Ich halte ihn schon“, sagte der Student, nachdem er sein Bündel wieder an sich genommen hatte und aufgesessen war, „ganz fest halte ich ihn“, drückte dem Gaul die Fersen in die Weichen und stob davon.
Ob er den Studenten noch eingeholt habe, fragte die Bäuerin ihren Mann, als er nach einigen Stunden ohne seinen Hengst zurückkehrte.
„Natürlich“, sagte der Bauer und hieb seinen Hut an einen Haken, „natürlich habe ich ihn eingeholt; und weil ich doch wollte, dass er schneller hinkomme, so hab ich ihm den Gaul dazu gegeben.“
Jörg Wickram
(geboren um 1505 in Colmar, gestorben um 1555/1560 in Burkheim/Vogtsburg im Kaiserstuhl)
Foto: Bernd Kasper/www.pixelio.de