Cornelia Querfurth: "Trägheit und Gewissen"
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Die Geschichte unserer Gastautorin Cornelia Querfurth kann vielseitig interpretiert werden und passt in jede Zeit. Aber lesen Sie selbst!
Trägheit und Gewissen
Es waren einmal Trägheit und Gewissen. Die teilten sich ein Ruhekissen. Eines Tages bedeckte die Trägheit fast das gesamte Kissen und das Gewissen erkannte, dass es keinen Platz mehr hatte und sich dringend über die Trägheit erheben musste. Es stand auf und wollte handeln.
Da erschien ihnen die Verführung. Sie versprach der Trägheit ein noch größeres Kissen mit vielen Annehmlichkeiten und auch ein sorgenfreies Leben. Die Trägheit brauche sich um nichts zu sorgen, denn es werde für sie gesorgt und sie könne auf ewig komfortabel leben. Sie müsse nur die Verführung annehmen und sich ihr anschließen. Das gefiel der Trägheit sehr und so stimmte sie zu.
Dann versuchte die Verführung, das Gewissen zu überzeugen. Das Gewissen werde alle Annehmlichkeiten haben und brauche sich nicht mehr zu sorgen und anzustrengen, das viele Nachdenken sei doch mit viel Stress, Verlusten und Sorgen verbunden, es führe nur immer dazu, dass das Gewissen sich eine neue Heimat suchen müsse. Wenn es die Verführung annehme, sei es doch viel beruhigter und müsse sich um nichts mehr kümmern. Eine große Last werde von ihm genommen. Das Gewissen jedoch widersetzte sich der Verführung, denn es war sehr stark. „Das ist gegen meine Natur“, sagte es und blieb standhaft. Da wurde die Verführung sehr zornig, denn sie wollte beide überzeugen und es ging gegen ihren Stolz, dass es ihr nicht gelungen war, das starke Gewissen für sich einzunehmen.
Sodann sandte sie zornig ein großes Feuer aus, das in Folge auch das Kissen erwischte, auf dem die Trägheit lag. Diese jammerte und bettelte, war jedoch zu träge, um aufzustehen und fortlaufen zu können. So wäre sie schließlich kläglich gestorben, wenn nicht das Gewissen eingegriffen und sie gerettet hätte. So brachte es sich und die Trägheit in Sicherheit. Das Gewissen war jedoch schwer gezeichnet von den Wunden der Flammenbrunst und zornig auf die Trägheit, die noch immer jammerte.
Es suchte nach einer Möglichkeit, die Verführung zu bestrafen und der Trägheit eine Lektion zu erteilen. Da es jedoch für ein gutes und starkes Gewissen sehr schwer ist, ohne moralische Bedenken Strafe auszuüben und ohne mit sich selbst dabei in einen Konflikt zu geraten, wandte es sich in seiner Not an Gott.
Und siehe da: Gott verbannte die Verführung unter die Erde und nahm der Trägheit sämtliche Ruhekissen weg, so dass sie auf ewig gezwungen war, umherzuwandern und nie mehr zur Ruhe zu kommen.
Das Gewissen aber ernannte er fortan zu seinem Botschafter auf Erden, damit die Nachahmer der Verführung keine Chance erhalten sollten.
Cornelia Querfurth