Frau Schulze-Hektik unterwegs: Der Makkaroni-Fresser
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Als vor über 50 Jahren viele Italiener ins Wirtschaftswunderland Deutschland kamen, hatten wir so unsere Vorurteile. Diese Geschichte habe ich im welt weiten Netz gelesen und es kann sein, dass sich auch von euch der Eine oder Andere an diese Zeit erinnert.
Der Makkaroni-Fresser
“Jetzt arbeitet so ein Makkaronifresser bei mir an der Maschine”, sagte Erwins Vater, als er aus der Fabrik nach Hause kam zur Mutter. „Stell dir das vor!“
„Was ist ein Makkaronifresser?“, fragte Erwin.
Der Vater antwortete nicht, er war zu ärgerlich.
„Ein Italiener“, sagte die Mutter.
„Was ist denn daran so schlimm?“, fragte Erwin.
„Die Italiener sind faul, dumm, schmutzig, sie können nicht Deutsch reden und essen nur Makkaroni. Mit einem solchen Kerl müssen wir zusammenarbeiten!“, rief der Vater.
Am nächsten Tag kam er heim und sagte: „Giovanni heißt er und ist aus Neapel. Er hat eine Frau und drei Kinder.“
„Ist er fleißig?“, fragte die Mutter.
„Faul ist er nicht.“
„Ist er schmutzig?“, fragte Erwin.
„Das kann man nicht sagen“, brummte der Vater.
Am dritten Abend sagte er: „Ich habe Giovanni schon eine Menge Deutsch beigebracht. Ein schlauer Mensch. Und singen kann er! Da sei ihr platt! Wie ein Opernsänger.“
Jeden Tag erzählte er von Giovanni. Erwin war schon immer gespannt, was es Neues von Giovanni gab. Einmal kam der Vater heim und konnte ein kleines Gedicht auf italienisch auswendig hersagen. Mutter und Erwin wollten es immer wieder hören und lachten sehr. Ein anderes Mal kam er mit einem italienischen Rezept an.
„Das musst du mal versuchen, es soll sehr gut sein“, sagte er zur Mutter.
„Übrigens schickt er jeden Monat die Hälfte von seinem Lohn heim“, sagte der Vater. „Und er macht eine Menge Überstunden, mehr als ich. Er hat gesagt, er will seine Kinder was Ordentliches werden lassen, und das kostet viel Geld.“
Einmal kam er empört heim und erzählte: „Da war ich heute nach der Arbeit mit Giovanni bei der Post. Ich wollte ein paar Marken kaufen, und er wollte einen eingeschriebenen Brief aufgeben. Der Postmann hat ihn was gefragt, aber Giovanni hat es nicht gleich verstanden. Da sagte der Postmann: ’Lern’ Deutsch, wenn du in Deutschland bist, dann verstehst du’s!’ Da bin ich aber wütend geworden und habe ihm die Meinung gesagt. So ein unhöflicher Kerl!“
„Gut so“, sagte die Mutter. „Den sollte man mal auf eine Post in Italien schicken, dort könnte er weder etwas sprechen noch etwas erklären, und dann sollte er dort auch einmal so angeschnauzt werden! Dann wüsste er, wie das ist!“
„Der Postmann hat sich bei ihm entschuldigt“, sagte der Vater.
„Gut so“, antwortete die Mutter noch einmal.
An einem Sonntag fuhr der Vater mit Erwin nach Karlsbach zur Großmutter. Auf dem Bahnhof sagte er plötzlich: „Schau, dort steht Giovanni.“
Das also war Giovanni: ein Mann mit schwarzen Augen und schwarzen Haaren und einem dicken schwarzen Schnurrbart.
„Was macht er denn hier auf dem Bahnhof?“, fragte Erwin.
„Da trifft er sich mit anderen Italienern und schaut den Zügen nach und denkt: Wenn ich Urlaub bekomme, steige ich in so einen Zug und fahre heim nach Italien.“
„Giovanni hat Pech“, rief der Vater, als er kurz vor Weihnachten heimkam. „Er bekommt noch keinen Urlaub! Er hat noch nicht lange genug bei uns gearbeitet. Erst im Sommer darf er heimfahren. Das werden traurige Weihnachten werden, so ganz allein.“
„Weißt du was?“, sagte die Mutter. „Wir laden ihn am Heiligen Abend ein.“
Der Vater überlegte eine Weile, dann sagte er: „Mutter, du hast manchmal großartige Einfälle. Jawohl, wir laden ihn ein!“
„Ihr seid nicht gescheit!“, rief die Großmutter, die gerade auf Besuch war. „Das ist doch ein Italiener. Alle Italiener sind faul, dumm, schmutzig, sie können nicht deutsch reden und essen nur Makkaroni. Wollt ihr so einen einladen?“
„Wo hast du denn diesen Unsinn her?“, fragte der Vater. „Schau dir den Giovanni nur mal an!“
Es wurde ein wunderschöner Heiliger Abend. Giovanni kam in einem schwarzen Anzug und hatte eine schöne bunte Krawatte um. „Mach’s dir nur bequem“, sagte der Vater.
Giovanni hatte allen etwas mitgebracht: der Mutter einen Schöpflöffel, der Großmutter eine Brosche, dem Vater eine bunte Krawatte, wie er selber eine trug, und Erwin eine Mundharmonika. Alles hatte er in feines Weihnachtspapier eingepackt. Der Vater band sich die Krawatte gleich um und wollte sich im Spiegel besehen. Aber dort stand schon die Großmutter, die sich die Brosche an die Bluse steckte.
Giovanni zeigte Erwin, wie man auf der Mundharmonika spielt und es stellte sich heraus, dass er selber sehr schön spielen konnte. Als Vater die Lichter am Baum anzündete, zog Giovanni die Fotos von seiner Frau und seinen Kindern aus der Tasche, küsste sie und zeigte sie allen.
„Ein netter Mensch“, sagte die Großmutter.
Und dann kam noch eine Überraschung: Die Mutter hatte eine Pizza für ihn gebacken. Da wurde er ganz gerührt und musste sich mit dem Taschentuch über die Augen fahren. Er umarmte Erwin und den Vater, schüttelte Mutter und Großmutter die Hand und sagte viele Male: „Ihr sein gute Leute, ihr im Sommer müssen kommen nach Neapel zu meine Frau, zu meine Kinder!“
Giovanni ist inzwischen Vaters bester Freund geworden. Als er Urlaub bekam, ließ sich auch der Vater Urlaub geben, und dann fuhren beide mit Mutter und Erwin in Vaters Wagen nach Neapel. Übrigens hatte sich der Vater auf der Reise Giovannis Krawatte umgebunden. Im Kofferraum war Vaters, Mutters und Erwins Gepäck. Giovannis Koffer stand hinter den Rücksitzen. Aber auf dem Wagendach war noch ein Riesenpaket festgebunden, voll mit Geschenken, die Giovanni seiner Frau und seinen Kindern mitbringen wollte.
In Neapel war es herrlich! Erwin spielte den ganzen Tag mit Giovannis Kindern und lernte viele italienische Wörter. Die Mutter zeigte Giovannis Frau, wie man Klöße kocht, und lernte von ihr, dass man Makkaroni auf zehn verschiedene Arten zubereiten kann. Giovanni ging mit allen ans Meer baden. Er zeigte seinen deutschen Freunden auch den Vesuv, den Berg, der Feuer speit. Erwin staunte: So etwas gibt es nicht in Deutschland!
Der Vater war begeistert vom italienischen Wein.
Er nahm sogar ein paar Flaschen davon mit nach Hause.
„Fahrt auch mal nach Neapel“, sagte er nun zu allen seinen Bekannten. „Die Italiener sind prächtige Leute!“
Mutter kocht jetzt oft Makkaroni.
Gudrun Pausewang