Friedrich Buchmann: "Das blaue Zauberbuch"
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Für alle, die gerne Märchen lesen oder vorlesen veröffentlichen wir von unserem Gastautor Friedrich Buchmann die Geschichte "Das blaue Zauberbuch". Viel Spaß beim Lesen!
Das blaue Zauberbuch
In einem kleinen Dorf lebte einst ein Mädchen. Seine Eltern waren so arm, dass sie ihre Tochter bereits in jungen Jahren in die weite Welt schicken mussten, weil sie nicht genug für alle hatten. Sie gaben ihr ein Bündel mit einem Kanten Brot und einem Stück harten Käse mit auf den Weg. Der Vater reichte ihr einen Wanderstock, den er aus einem Ast des Birnenbaumes gefertigt hatte. Im Griff war der Name „Nele“ eingeschnitzt.
Nele verabschiedete sich von Vater und Mutter.
Einen ganzen Tag lang lief sie, ohne an Essen und Trinken zu denken. Gegen Abend ließ sie sich schließlich an einem plätschernden Bach nieder. Sie öffnete ihr Bündel und aß ein kleines Stück Brot.
Während sie am Ufer ihre bescheidene Mahlzeit einnahm und ihren Durst mit dem kühlen Wasser des Baches stillte, sah sie plötzlich etwas unter einem Busch schimmern. Sie hob es auf und hielt ein Buch mit einem blauen Einband in der Hand.
Nele konnte aber nicht lesen. So steckte sie es in ihr Ränzlein und dachte bei sich: „Zu irgendetwas wird das Buch schon Nutze sein.“ Müde legte sie sich ins Gras und schlief sofort ein. Ihr träumte, dass dieser blaue Band ein Zauberbuch sei.
Es war früher Morgen und die Vögel sangen bereits, als Nele erwachte. Sie nahm ihr Bündel und wanderte, ohne Rast zu machen wieder den ganzen Tag weiter. Als sie müde wurde, setzte sie sich auf einen morschen Baumstumpf. Plötzlich hörte das Mädchen laute Schritte, die sich näherten. Neugierig drehte sie sich um und sah den Riesen Ganzgroß, aus dem Wald hervortreten.
Die Meid erschrak, denn solch einen großen Menschen hatte sie noch nie gesehen.
Der Riese fragte: „Wer bist du und wo willst du hin?“
„Ich heiße Nele und wandere in die Welt. Meine Eltern haben mich fortgeschickt. Jetzt muss ich mein Glück woanders finden.“
„Wenn du willst, dann komm mit mir in den Märchenwald. Du kannst dort mein Haus in Ordnung halten. Es gibt genug zutun, denn es ist riesig. Auch musst du mir meine Mahlzeit zubereiten. Doch bedenke, mein Hunger ist groß. Dafür bekommst du eine eigene Kammer und brauchst keine Not mehr leiden. Es wäre mir eine Freude, wenn du mir Gesellschaft leisten würdest“, schlug der Riese vor.
Ohne lange zu überlegen, willigte das Mädchen ein und folgte Ganzgroß in den Märchenwald. Von diesem Tag an putzte es, kochte das Essen und verrichtete all die Arbeiten, welche der Riese verlangte. Ganzgroß war mit dem fleißigen Mädchen sehr zufrieden. Deshalb schenkte er ihr eines Abends einen wunderschönen Ring. Der Riese erzählte Nele, dass er diesen zusammen mit einem blauen Zauberbuch einst als Lohn von dem bösen Magier „Hokuspokus“ erhalten hatte.
Es soll ein Zauberring sein, mit dem man sich alles herbei hexen kann, was das Herz begehrt. „Du musst das Buch nur aufschlagen und den passenden Zauberspruch wählen. Während du ihn sprichst, drehe den Ring an deinem Finger und schon geht dein Wunsch in Erfüllung. Leider hatte er das Zauberbuch aber verloren.“
Nele freute sich über den Ring und schmunzelte heimlich. Dass sie das blaue Buch bereits besaß, wollte sie noch verschweigen. Doch was nutzte Nele das? Sie konnte nicht lesen. Was sollte sie tun? Das Mädchen steckte den Ring an seinen Finger und fragte den Riesen: „Kannst du lesen?“ Beschämt und traurig zugleich antwortete dieser: „Nein ich habe es nie gelernt. Bis jetzt brauchte ich das Lesen nicht.“
„Dann war das kein gutes Geschenk, welches dir der böse Zauberer ‚Hokuspokus’ gemacht hat. Du hättest dir nie einen Wunsch erfüllen können.“
Nele kramte in ihrem Bündel und holte nun doch das blaue Buch hervor. Der Riese war erstaunt.
„Es ist das Zauberbuch! Wo hast du das her?“
„Ich habe es unter einem Busch nicht weit von hier gefunden.“
Der Riese war ganz aufgeregt und fragte: „Kannst du lesen?“
Nele schämte sich. „Nein, für die Schule hatten wir kein Geld und so habe ich es nicht gelernt. Meine Eltern konnten auch nicht lesen.“
„Das ist nicht so schlimm“, antwortete der Riese. „Ich weiß, wer lesen kann. Ungefähr 50 Riesenschritte von hier entfernt wohnen drei gute Zwerge. Sie können lesen und schreiben. Ich werde sie fragen, ob sie es dir beibringen.“ Und so kam es, dass das fleißige Mädchen tagtäglich Unterricht von den Zwergen erhielt.
Eines Tages lief das Mädchen freudig zu Ganzgroß und rief schon von weitem: „Ich kann jetzt richtig lesen! Wollen wir den Ring und das Zauberbuch ausprobieren?“
Der Riese fragte: „Müssen wir das?“ Er hatte auf einmal Angst bekommen, dass er Nele verlieren könnte. Er freute sich jeden Tag auf das Mittagsessen, denn sie kochte gut und stets reichlich. Doch das Mädchen bat so lange, bis Ganzgroß schließlich einwilligte. Nele holte die großen Stiefel des Riesen und das Buch.
Sie schlug es auf und sagte den Zauberspruch: „Hokuspokus, dreimal schwarzer Kater, Stiefel werdet klein!“ Sie drehte den Ring am Finger herum und die Stiefel begannen zu schrumpfen.
Im gleichen Augenblick, der Zauber gelungen war, stiegen lärmend die schwarzen Raben am Schlossdach des Hexenmeisters auf, der dem Riesen Ganzgroß das Buch einst als Lohn gegeben hatte.
Da wusste dieser, dass irgendjemand das Zauberbuch und den Ring benutzt hatte. Hokouspokus wurde angst und bange, ein Fremder könne das Geheimnis entdecken, welches tief im Inneren des Buches verborgen war. Er musste sich unbedingt die verlorenen magischen Gegenstände zurückholen.
Nele freute sich, dass der Spruch geglückt war und wollte gerade etwas zu dem Riesen sagen, als plötzlich zwei winzige Menschen neben dem Buch auf dem Tisch standen. Beide trugen eine goldene Krone. Das Mädchen und „Ganzgroß“ blickten erstaunt auf die Winzlinge.
„Wer seid ihr?“, fragte der Riese.
Da erzählte der König, dass „Hokuspokus“ sie verzaubert hatte und in den Buchseiten gefangen hielt.
„Jedes Mal, wenn der Ring und das Buch benutzt werden, dürfen wir uns für ganz kurze Zeit zeigen. Der Hexenmeister hat sich unser Königreich angeeignet und wohnt jetzt auf dem Schloss.“
„Wie können wir euch befreien?“, wollte „Ganzgroß“ wissen. Doch da war das Königspaar schon wieder verschwunden.
Nele suchte sofort im Buch nach Einem Vers, um die beiden zu erlösen. "Vielleicht versuchen wir es mit einem neuen Zauber ?"
Sie sagte einen weiteren Spruch, drehte dabei den Ring erneut kam das verwunschene Paar zum Vorschein. Leider war auch dieses Mal die Zeit zu kurz, um mehr über den König und seine Gemahlin zu erfahren. Als die beiden wieder verschwunden waren, sagte Nele zu „Ganzgroß“: „Ich lerne jetzt alle Zaubersprüche auswendig, dann brauchen wir das Buch nicht mehr und wir können zu jeder Zeit zaubern und mit dem Königspaar sprechen.“
Sie legte das Buch auf den Tisch und fing an die Formeln zu lernen.
Zauberer „Hokuspokus“ wusste genau, wem er seinerzeit das Buch und den Ring gegeben hatte. Dass der Riese nicht lesen und schreiben konnte, war der Grund, weshalb er es ihm geschenkt hatte. So war beides vor den anderen Zauberern und Hexen, die noch im Märchenwald wohnten, sicher. „Hokuspokus“ musste schnellstens etwas unternehmen.
Er holte eine Schüssel aus dem Schrank, ließ Wasser hineinlaufen und murmelte einen Zauberspruch. Auf der Wasseroberfläche erschien eine Landschaft mit einem riesigen Haus. Nun wusste der Zauberer, wo das Buch und der Ring waren.
Er sah auch Nele, die dem Riesen gerade eine gewaltige Mahlzeit brachte. Als sie die Schüssel auf den Tisch stellte, blitzte der Ring an ihrer linken Hand auf.
„Hokuspokus“ grinste und rief seinen Hausdrachen Rudolf. "Du fliegst sofort zu Ganzgroß. Ich will meine Geschenke zurück. Wenn es sein muss entführe das süße Mägdelein!" Rudolf, der eigentlich ein verzauberter Prinz war, hasste es, jemandem Gewalt antun zu müssen . Er wollte etwas erwidern, schwieg jedoch, als er das zornige Gesicht seines Herrn erblickte. Gehorsam hob er sich in die Lüfte, um seinen Auftrag zu erfüllen.
Der Drache flog zum Riesenhaus. Als Nele das Ungeheuer mit den drei Köpfen sah, versteckte sie sich unter dem Hut des Riesen. Doch der kurze Blick auf Nele hatte genügt, dass sich Rudolf in sie verliebte. Unmöglich konnte er diesem schönen Mädchen Furcht einjagen. So flog er unverrichteter Dinge zurück.
„Hokuspokus“ war wütend. "Du unnützer Tölpel! Zu nichts bist du zu gebrauchen. Buch und Ring wollte ich haben!" Rudolf sah den Magier mit untergebenem Blick an.
"Schau nicht so! Du hast meinen Plan zunichte gemacht.
"Aber... aber das Mädchen war so schön, so zart, so unschuldig. Da konnte ich sie doch nicht..."
"Ja, entführen solltest du sie!" Hokuspokus lief auf und ab. Jetzt musste er sich etwas Neues einfallen lassen.
Dem Mädchen war aufgefallen, dass der Drache traurige Augen hatte. Diese gingen ihr nicht aus dem Sinn. Sie musste wissen, was es mit dem Ungeheuer auf sich hatte.
Nach einem erneuten Zauberspruch kam das Königspaar wieder zum Vorschein.
Sogleich erzählte der König dem Mädchen, dass der Drache ein verwunschener Prinz sei.
Dies vernahm auch „Ganzgroß“ und sagte: „Wir werden ‚Hokuspokus’ schon bezwingen und euch und den Drachen befreien!“ Eilig lief er in den Keller und holte ein Schwert. „Das Waffe hat noch nie einen Kampf verloren. Damit werde ich den Zauberer vernichten!“
Kurz darauf hörte man lautes Klopfen an der Pforte. Als Nele öffnete stand ein alter buckliger Mann mit einem Stock vor der Tür. Er bat das Mädchen um etwas Essen. In Wirklichkeit war es „Hokuspokus“.
Da Nele den Zauberer nicht erkannte holte sie ein Stück Brot und eine harte Wurst aus der Vorratskammer. Mit einem freundlichen Lächeln reichte sie beides dem Alten.
Als das Mädchen aber ihre Hand ausstreckte, packte sie der Bucklige und sagte: „Gib mir sofort den Ring und das Buch, sonst verzaubere ich dich in eine Katze!“
Nele riss sich los und lief in das Haus zurück. Doch zu spät! Nele war bereits eine Katze.
Als der Riese das Tier entdeckte, wusste er, dass „Hokuspokus“ nicht weit sein konnte. Daher griff er nach seinem Schwert und lief aus dem Haus, direkt in die Arme des Zauberers.
Dieser lachte jedoch, als er „Ganzgroß“ sah. „Ihr könnt mich nicht besiegen, das kann nur eine.“
Dann verwandelte er sich in einen Vogel und flog davon.
Nun war guter Rat teuer. Wie sollte aus der sprechenden Katze wieder ein Mensch werden?
Als es erneut an die Tür klopfte, standen die drei Zwerge davor. Der Riese ließ sie ein und sie setzten sich an den großen Tisch. „Wir haben alles mitbekommen“, begann der Älteste von ihnen, „und da kam mir eine Idee. Die Katze hat an ihrem Vorderfuß immer noch den Ring. Wenn wir ihn drehen und Nele sagt einen Zauberspruch, dann wird sie vielleicht wieder zurückverwandelt.“ Gesagt, getan und wirklich, der Versuch war gelungen. Aus der räudigen Katze war wieder die hübsche Nele geworden.
Alle freuten sich und der Zwergenälteste sprach weiter: „Ich weiß, wer ‚Hokuspokus’ besiegen kann. Seine Mutter, die rechtschaffene Zauberin Simse!“
Nele drehte wieder an ihren Ring und, da sie das Zauberbuch auswendig konnte, sagte sie die passende Formel auf. Tatsächlich, Simse erschien.
„Ihr habt mich gerufen, was kann ich für euch tun?“
Nele erzählte der Frau alles, was sich zugetragen hatte.
Diese wurde wütend und sprach: „Ich werde euch helfen und meinem Sohn die Hölle auf Erden bereiten!“ Und schon war Simse verschwunden.
Zur Abendstunde betrat plötzlich das Königspaar in seiner ursprünglichen Gestalt die Küche. Nele war zunächst sprachlos. Doch dann rief sie erfreut: „ Hurra, der Zauber ist vorbei!“,
Wenig später klopfte es erneut an die Tür des Riesenhauses. Als „Ganzgroß“ öffnete, stand ein schmucker Prinz davor.
„Ich bin Rudolf, der Drache. Simse hat auch mich vom Zauber erlöst. Nun suche ich das schöne Mädchen in euren Riesenhaus und möchte sie zu meiner Frau machen.“
Als Nele dieses hörte, lief sie erfreut zur Tür und umarmte den Prinzen. „Möchtest du meine Prinzessin werden?“ Das Mädchen nickte und er hob sie in die Höhe.
Bald feierte man Hochzeit im Märchenwald. Nele holte ihre Eltern ins Riesenhaus und sie lebten dort bis an ihr Lebensende und brauchten nie mehr zu hungern. Fortan übernahm nämlich Neles Mutter das Kochen.
Nele hingegen zog in den Palast des Prinzen.
Der Ring, das blaue Zauberbuch und ihr Wanderstock bekamen einen besonderen Platz in der Schatzkammer des Schlosses.
Von nun an waren alle glücklich und zufrieden. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute im Märchenwald.