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"Ich verstehe"

Seit 1994 ist am 21. September der Welt-Alzheimer-Tag. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir ein Gedicht von Marcel Schmidt, der sich als junger Auszubildender in bemerkenswerter Weise in die Gedanken eines an Demenz Erkrankten hineinversetzt.


Ich verstehe

Anfangs erscheint es wie ein schlechter Traum.
Ich merke immer öfter, dass mich das Vergessen ereilt.
Gesichter verblassen, Namen verschwinden - doch dies ist kein Traum.
Es ist Realität, meine Realität, die Realität meiner Erkrankung.
Es schmerzt zu wissen, was mit mir passiert, es schmerzt zu vergessen, was ich weiß, den Weg nicht mehr zu finden, obwohl ich ihn kenne.
Vor mir da ist kein Weg, da ist immer häufiger ein Loch, das sich mit meinen Tränen füllt, bis ein See entsteht.
Schwarz ist der See, gefüllt mit meinen Tränen, meine Tränen sind nicht klar und hell - sie sind voller Erinnerungen.
Der See füllt sich immer mehr - mit den Gedanken, die mir verloren gehen.
Angst erfüllt mich, denn noch sehe ich, was mir verloren geht - obwohl ich es nicht immer verstehe.
Ich hoffe in diesen Momenten auf Beistand, Trost und Verständnis aus meiner Umwelt - ich hoffe, dass mich jemand rettet, auch wenn ich weiß, dass dies nicht geht.
Ein bewölkter Himmel, oft dunkel und matt, zeigt er sich als Spiegel meiner Seele - grau und unbeständig doch manchmal dringt in den lichten Momenten das Licht der Sonne hindurch.
Starke Gefühle brechen hervor, sie beleuchten einen Teil des schwarzen Sees, erhellen den Moment und zeigen mir, was ich noch begreifen kann.
In den Momenten, wo ich verstehe, weine ich und die Tränen rinnen durch meine Finger - Ich kann es nicht halten, immer mehr geht mir verloren an wertvollem Wissen, was ich besitze.
Und dann verstehe ich, was mit mir geschieht. Ich verstehe!

Gedicht von:
Marcel Schmidt, Auszubildender im 1. Lehrjahr Haus Maria Regina, Diestedde

Foto: Karin Bangwa/www.pixelio.de

Foto: Karin Bangwa