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Ilse W. Blomberg: "Advent heißt Ankunft"

Unsere Gastautorin stellt uns freundlicherweise die Geschichte "Advent heißt Ankunft" aus ihrem neu erschienenen Buch "Es knistert im Kamin" zur Verfügung. Viel Spaß beim Lesen!

Advent heißt Ankunft
Anna Becker hatte sich ihr Leben immer so vorgestellt.

Eine große Familie, einen großen Garten, ein großes Haus und sie mittendrin, rundum beschäftigt,glücklich und zufrieden. Und so kam es auch.

Sie bekam Gerhard, den Mann, den sie schon immer gut leiden konnte und sie bekam nach einem Jahr Ehe Luisa, ihr Wunschkind. Sie bauten sich ein großes Haus und Anna Becker hatte nun auch ihren großen Garten.

Und dann kam alles ganz anders.

Sie bekam nach Luisa keine weiteren Kinder mehr und nach zehn Jahren Ehe entschied Gerhard sich für eine andere Frau. Aus dieser Traum. Statt eines großen Hauses bewohnte sie nun eine große Wohnung. Statt eines Gartens pflegte und hegte sie nun Blumen und Pflanzen auf einem großen Balkon.

Aber sie richtete sich ein und richtete ihr Leben nach Luisa aus. Ihr sollte es an nichts fehlen. Und an dem Tag, an dem Luisa ihr Studium aufnahm, klopfte sie sich auf die Schulter und sagte: „Gut gemacht, Anna, wenigstens das hast du geschafft.

Luisa fuhr jeden Tag zum Studienort und wohnte während des gesamten Studiums noch bei der Mutter. Doch dann kam Stefan in Luisas Leben. Und das war ja auch wunderbar und schön. Nur Stefan bekam einen Arbeitsplatz in den USA und Luisa war gleich „Feuer und Flamme“ für diesen Kontinent. „So weit“, dachte Anna, „viel zu weit! Doch so ist es eben. Die Kinder ziehen hinaus und Luisa ist doch schon so lange bei mir. Das hätte ja auch schon viel eher passieren können.Jetzt gilt es Haltung zu bewahren und ihr mit keinem Wort die Freude auf die Zukunft zu trüben.

Nun waren Luisa und Stefan schon seit drei Monaten in Amerika und lebten in der großen Stadt New York. Sie telefonierten, schickten kleine Päckchen und schrieben.

Anfang September kam ein besonders langer Brief. Aber nur eine einzige Mitteilung in ihm war wirklich wichtig für Anna.

Liebe Mutter, sei nicht traurig, wenn wir Weihnachten nicht nach Hause fliegen. Wir haben hier so viele nette Freunde und Bekannte. Mit einigen von ihnen wollen wir Weihnachten feiern. Wir schreiben dir das schon so früh, damit du dich einrichten kannst und vielleicht zu Tante Lisbeth fährst oder Freundinnen einlädst. Bleib' bloß nicht allein.

Die Enttäuschung war da und die Traurigkeit kam. Nach einigen Tagen aber meldete sich in ihr wieder die Anna Becker, die sich einrichtete. Nein, sie würde nicht zu Lisbeth fahren und keine Freundinnen einladen. Sie würde das schon allein packen. Als es dann im November schon recht kalt wurde und der Raureif auf den Balkonpflanzen glänzte, fing sie an vorzusorgen. Sie kaufte sich einige CD's, sie bestellte Bücher, die sie schon immer gerne lesen wollte und sie interessierte sich für dänische Stickereien. Sie fing an, alles von der positiven Seite zu sehen: „Kein Weihnachtsstress kann mir etwas anhaben. Ich bin ein ganz und gar unabhängiger Mensch.“

Aber dann kam Ende November ein ganz besonderer Brief aus Amerika. Er war mit Sternchen beklebt und lustigen Santa Claus Figuren. Die Farbe des Umschlags war rot und die Adresse darauf leuchtete ihr in goldenen Buchstaben entgegen. Anna freute sich über die liebevolle Aufmachung. Dann öffnete sie den Brief.

Liebe Mutter!
Hier nur eine einzige Mitteilung.
Wir kommen doch zu Weihnachten nach Hause.
Am 24. Dezember sind wir bei dir.
Deine Luisa und Stefan

Der Brief zitterte in ihrer Hand und die Freude ergriff ganz von ihr Besitz. Sie tanzte und sang durchs Zimmer. Dann ging sie in die Stadt und kaufte alles ein, was sie für einen Adventskalender brauchte.

Sie bastelte einen Adventskalender mit 23 Türchen. Jeden Tag würde sie ein Türchen aufmachen bis zum 23. Dezember. Aber die Tür am 24. Dezember, die Tür würde sie ihren Kindern selbst aufmachen.

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aus dem Buch "Es knistert im Kamin"

 



Ilse W. Blomberg