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Ilse W. Blomberg: "April, April"


Am heutigen Tag ist es Tradition, die Menschen in seiner Umgebung in den "April zu schicken".
Dazu veröffentlichen wir hier eine Geschichte von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg. Wir wünschen viel Vergnügen beim Lesen!

April April   ( Paul-Gerhardt-Schule  1971)

Für meine Grundschulkinder war es am 1. April immer ganz wichtig, mich  in den April zu schicken. Das hatte Tradition und war voraussehbar.
 “Frau Blomberg, Sie haben ein Loch im Strumpf!” “Was, wirklich?”, und wie bog ich den Kopf in die Strumpfrichtung.“April, April!”Ach, ja, der April.
“Frau Blomberg, Du hast einen Flecken auf der Bluse!”“Ach, so ein Pech aber auch!” , und ich eilte zum Klassenspiegel, um den Flecken zu entdecken.“April, April!”Ach, ja, schon wieder April.
“Frau Blomberg, der Peter kann heute nicht zur Schule kommen, der  ist gestern mit dem Fahrrad gegen einen Zaun gefahren.”“Ach, der Arme. Liegt er im Krankenhaus?” “April, April!”, ruft mir der verunfallte Peter unter seinem Tisch hockend lachend entgegen und das ohne irgendwelche Blessuren. Ja, natürlich, 1. April.  
Es ist meinen Schülern meistens gelungen, mich in den April zu schicken . Nach dem zehnten Mal “Loch im Strumpf oder Fleck auf der Bluse” guckte ich mich immer noch um und freute mich an ihren spitzbübischen  Gesichtern.
Aber  an einem 1. April in den Siebzigern war der Aprilscherz ein wenig anders. Ich bemerkte beim Eintritt in die Klasse, dass mein plattes Kissen, das  auf meinem Schreibtischstuhl lag, eine etwas ungewöhnliche Wölbung hatte.   “Aha”, dachte ich, “da setze ich mich  nicht drauf”, denn ich konnte mir denken, was unter dem Kissen lag.  Die Wirkung kannte ich. Hatte nicht erst vor ein paar Tagen  Frank  X., (der wirkliche Name wird hier verschwiegen) mit seinem “Pupskissen”  für große Heiterkeit gesorgt?
Also sollte ich heute am 1. April mit Franks Kracher  für große Heiterkeit sorgen. “Nicht mit mir, nicht mit mir!”, beschloss ich.“ Dann lieber 100 Löcher in Strümpfen und 100 Flecken auf Blusen, aber nicht solche Geräusche.”Also setzte ich mich nicht auf meinen Lehrerstuhl beim morgendlichen Stuhlkreis.   Doch beim Singen mit der gewohnten Gitarrenbegleitung benötigte ich schon eine Sitzgelegenheit.
Ich zog mir aber nicht meinen Stuhl mit dem gewölbten Kissen heran, sondern holte mir einen kleinen  Schülerstuhl aus der Ecke. Konnte ich da ein ungläubiges Staunen beobachten?  Gingen da nicht die Blicke von einem zum anderen?  Waren sie da nicht mächtig still?  “Ja, staunt nur, eure Lehrerin ist nicht so aprilblind, sie ist auf der Hut und lässt sich von euch nicht so leicht in den April schicken.”, schmunzelte ich in mich hinein. 
Nach dem Stuhlkreis zockelten alle auf ihre Plätze. Sie sahen sich nach meinem Platz immer wieder um. Ich setzte mich aber  nicht. Auch als ich Materialien aus meiner Tasche holte, vermied ich es, mich zu setzen.  “Schön durchhalten!”  Das  gelang auch wirklich gut. Nach der ersten Schulstunde hatten alle eine kleine Atempause verdient: “Also los, Kinder, wir holen uns eine kalte Nase, kommt mit mir auf den Schulhof. “Auf dem Schulhof plapperten sie mir nicht wie sonst die Ohren voll. Sie flüsterten sich selbst in die Ohren hinein. Sie machten sogar einen kleinen Bogen um mich herum. Manche schauten mich richtig groß und ernst an. Sie rannten auch nicht wild herum und lachten laut über irgendwelche Sachen.  
Über eine ganz bestimmte Sache hätten sie heute gerne laut gelacht, aber das konnten sie ja nicht. War ich ein Spielverderber!? Eine richtige Spaßbremse!?  War ich das? Verdarb ich meinen kleinen Schülern den ersten April?  Wollte ich das? Ja,  durfte ich das?Als wir dann wieder in der Klasse waren, sagte ich: “Nun setzt euch mal schön hin.  Wir wollen es uns bei einer Geschichte gemütlich machen. Da erzählt die Astrid Lindgren, wie sie den Ole in den April geschickt haben.  Da brauche ich ja auch meinen Lehrerstuhl. Oder will sich ein anderer darauf setzen und mit mir den Platz  tauschen? “  “Nein”, riefen alle wie aus einem Mund, das ist dein Stuhl!”
Ja, es war mein Stuhl mit einem Kissen drauf, unter dem ein Pupskissen lag. Und dann tat ich ihnen den Gefallen.  Und ich setzte mich nicht nur so ein wenig seitlich drauf, sondern mitten auf den Kracher. Das war ein Geräusch! Aber das Lachen, das Klatschen, das Gefreue und das Getobe meiner Schüler übertönte bei weitem die Phonzahl des Objektes. Na, und da war die Welt wieder in Ordnung am 1. April, und wir hatten uns alle wieder richtig lieb.

Und wie einig sie sich waren, als sie lachend riefen: “April, April!”

Ilse W. Blomberg

 

Ilse W. Blomberg