Zum Hauptinhalt springen

Ilse W. Blomberg: Der Vogel


Eine Geschichte von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg. Wir bedanken uns bei der Autorin und wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Lesen!


Der Vogel

Wenn Sie die Überschrift lesen,  der Vogel, so nüchtern,  dann könnten Sie die sachliche Beschreibung eines bestimmten Vogels erwarten. Aber in der Geschichte, die ich Ihnen erzähle,  geht es um eine Beziehung zu einem Vogel. Einer Beziehung zwischen Mensch und Vogel. Natürlich kann eine Beziehung zwischen Mensch und Vogel sehr sachlich sein: / Ich betrachte den Vogel und schreibe auf, wie er sich verhält, wie er aussieht, was er frisst, was er ausscheidet, was er piepst und fotografiere ihn. Aber eine Beziehung, die man  zu einem Vogel aufnimmt, kann auch sehr emotional geprägt sein: /Ich öffne dem  Vogel mein Ohr. Ich betrachte mit Freude, wie er  beidbeinig hüpft. Ich lasse  sein  lautes rhythmisches Tschilpen in meine Seele dringen. Ich nehme Blickkontakt mit ihm auf und komme seiner Aufforderung zum sozialen Miteinander nach.

Und das ist eigentlich schon die ganze Geschichte. Nämlich die Geschichte einer Beziehung, einer emotionalen Beziehung zwischen  Spatz und  Mensch.

Die Beziehung zwischen Kanarienvögeln, Wellensittichen, Papageien und Menschen sind  nichts Außergewöhnliches und eigentlich ganz selbstverständlich. Die Gefiederten werden in der Regel Kindern geschenkt, kommen  zu Weihnachten oder anderen Festtagen  in die Häuser, bekommen  einen Namen und erhalten Familienanschluss.

Auch hier gäbe es viele Geschichten zu erzählen, wie die von dem Kanarienvogel Piepsi, der meinem Sohn Hans Kristian, damals 8 Jahre alt, gehörte.  Es hat eine Zeit in der Beziehung zwischen Hans Kristian und Piepsi gegeben, die wohl im weitesten Sinne seelenverwandt war. Sonst kann ich mir nämlich nicht erklären, dass er für etwa 2 Wochen  unter seinem Bett schlief, damit Piepsi auch nachts frei herumfliegen konnte. Nach dieser Zeit seiner gelebten Zuneigung und der Gewissheit, ein wirklicher Vogelversteher zu sein, versuchte er auch noch dem Vogel  das Sprechen beizubringen in der Hoffnung auf einen Dialog.  Das Unternehmen scheiterte an gegenseitiger Überforderung. Auch das ist eine ganze Geschichte und gehört erzählt.

Aber hier erzähle ich erst einmal die Geschichte von einem Spatz und seinem Helfer oder sollte ich den Helfer  besser  Retter nennen? Ich erzähle also die Geschichte von einem sehr jungen Spatzen und seinem etwas älteren Helfer. 

Es war im Mai des Jahres 2011.   Ein üppiger von dichten Hecken geschützter Garten mit Gartenhaus und verschiedenen Sitzplätzen lud ein  Spatzenpaar  zum Nestbau ein. Hilde und Peter gaben den Vögeln den von ihnen benötigten Raum gerne. Sie beobachteten das fleißige Umherfliegen der Spatzen, sahen in ihren Schnäbeln das Nistmaterial.  Stroh, Gras, Wolle und Papier. Und sahen Nistmaterial  samt Spatzenpaar zwischen Gartenhaus und Hecke verschwinden.

Nach eifrigen Wochen des Nestbaus war das etwas   kugelige Nest mit seitlichem Eingang fertig. Einige Grashalme und Wollfäden hingen recht unordentlich heraus.  Etwa 12 Tage nach der Fertigstellung schlüpfte die Jungschar und ihr  lautes Tschilpen war unüberhörbar. Die Spatzeneltern    mussten zerkleinerte Insekten, Sämereien und Raupen anschleppen. Und wurden nicht müde in der Versorgung.

Das war wirklich ein feines Vogelleben. Hilde und Peter freuten sich über  diese Lebendigkeit. Und ihre Ohren hatten sich an das laute Tschilpen gewöhnt. Doch eines Tages wurde es immer stiller im Nest. „Oh“, trösteten sich die beiden, „da war sicher eine Katze am Werk, schade, aber so  ist die Natur.“ Traurig schauten Hilde und Peter in Richtung Nest. Da war nichts mehr wirklich zu beobachten. Aber ganz in ihrer Nähe, fast zu ihren Füßen bat plötzlich jemand um Aufmerksamkeit. Ein kleiner Spatz mit aufgerissenem Schnabel hüpfte auf die beiden Menschen zu.  „Tschilp, tschilp. Piep, piep“, flogen die Laute in ihre Richtung.

„Hilde“, rief Peter leise, „hast du vielleicht Gehacktes im Kühlschrank?“ Hilde hatte tatsächlich Gehacktes im Kühlschrank. Und  so nahm Peter eine Pinzette und presste einen kleinen Kringel Gehacktes zwischen die Spitzen. Vorsichtig, ja fast ungläubig, bewegte er sich auf den Vogel zu. Dieser war aber gar nicht scheu. Genau das hatte er nämlich mit seinem intensiven Bettelruf beabsichtigt, dass sich jemand um ihn kümmert. Seine Eltern waren wohl verloren gegangen und er allein zurückgeblieben. Und Peter reagierte auf die eindringlichen Signale des Spatzes. Er stellte sich der Aufgabe, nämlich der Aufgabe, sich   um den Vogel  zu kümmern.     Und das erkannte der Vogel instinktiv  sofort. Er wich nicht mehr von Peters Seite. Und so konnte Peter gar nicht anders, als  ihm einen Schutz- und Lebensraum  anzubieten. Er polsterte eine etwas größere Holzkiste  mit Küchentüchern aus, betrachtete sein Werk, war zufrieden und setzte den kleinen Schützling in dieses Nest. Dann klärte er ihn mit folgender Ansage über die Besitzverhältnisse auf:

„Hier ist dein Karton, Elvis!“ Elvis, ganz einfach Elvis, nicht Vogel, Spatz, Hansi oder Piepmatz, nein,  Elvis.  Spontan aus  den inneren, ja innersten  Regionen seiner einst dem King of Rock 'n' Roll   zugewandten Seele heraus – Elvis.  Der Vogel hatte seinen Namen.

 „Ich kümmere mich um seine Entwicklung.“, gab er seiner Frau augenblicklich zu  verstehen. Und die kluge Hilde überließ  ihm die ganze Verantwortung.

Und so begann Peters Leben mit Elvis. Oder Elvis´ Leben mit Peter. Elvis Tschilpen war unüberhörbar laut. Er forderte viermal am Tag seine Futterration  und hörte erst auf zu Rufen, wenn sein kleiner Magen voll war und ihn eine müde Schwere überkam. Sein Kistenplatz schien ihm gut zu gefallen. War dieser Platz doch auch ein selten sicherer Ort.   Auf der heimischen Terrasse konnte er Luft, Sonne und Wind  genießen. Die Kiste schützte ihn.   Und nachts schützten ihn zusätzlich die Mauern des Einfamilienhauses. Peter mutete seinem Schützling natürlich nicht zu, im Dunkel der Nacht ungebetenen Besuch zu bekommen.  Die Kiste war auch ein sauberer Ort. Die  Geschirrtücher wurden nach dem Grad der Verunreinigung gewechselt. Je kräftiger Elvis wurde, desto häufiger.

Und kräftig wurde er schnell bei der guten Ernährung. Er wuchs in Richtung seiner Endphase von 16 cm  und 30 Gr. Körpergewicht. Peter freute sich, denn er hatte scheinbar alles richtig gemacht. Und freute sich auch an dem etwas farbigen Federkleid, das Elvis nach dem Aufplatzen der Kiele bekam. 

Nach 10 Tagen verspürte Elvis den Drang, die Kiste zu verlassen und den Garten zu erkunden. Und so hüpfte er  im Garten herum und pickte sich das auf, was ihm gut tat. Peter hatte dabei den Spatz gut im Auge und fühlte sich nun ermuntert, den Vogel bei der Entwicklung seines Flugtalentes zu fördern.   Und da er an diese große Aufgabe nicht unvorbereitet herangehen wollte, übernahm er die Idee des Reformpädagogen Pestalozzi.     Die Idee war : Es musste ein sicheres Fundament gelegt werden, das den Schüler befähigt, sich selbst zu helfen.   Und warum sollte dieses Prinzip nur für Schüler gelten? Warum nicht auch für seinen Elvis? Und so scheute er sich nicht, Elvis die Flugbewegungen vorzumachen. Seine angewinkelten Arme simulierten die Flügel und er hob und senkte sie. Zwar nicht 13 mal in der Sekunde, wie der später ausgewachsene Elvis das tun würde, aber hier ging es ihm  ja um das Legen eines sicheren Fundamentes durch das  Beispiel. Auch die Hilfe zum Selbsttun war ihm sehr wichtig.  Er warf den Vogel ab und an sanft in die Luft und beobachtete sein Verhalten. Es entwickelte sich.

Eines nachmittags, Elvis war schon 14 Tage Familienmitglied warf Peter ihn etwas höher als sonst in einen hohen Strauch hinein. Hier schien sich Elvis verstecken zu wollen. Als Peter ihn aber abends ins Haus holen wollte, blieb   er  versteckt und alles Suchen und Rufen war vergeblich. Wo war Elvis? Es war ein Samstagabend und Peter setzte sich ohne seinen Vogel zu Füßen oder in der Kiste mit einem guten Glas Rotwein in den Garten und prostete seiner Hilde etwas traurig zu.  Am Sonntagmorgen jedoch erhellte sich seine Stimmung. Hilde hatte das laute Tschilpen wieder vernommen, die Terassentür weit aufgemacht und Elvis hereingebeten. Elvis nahm das Angebot noch kurz an. Aber sein  Bedarf nach Schutz, Verpflegung und Flugunterricht, sein Bedarf nach menschlicher Zuneigung und Familienanschluss war nicht mehr vonnöten. Peter hatte in Richtung Selbsttätigkeit alles gut und richtig gemacht.Und so tschilpte Elvis noch einmal kräftig, zeigte, dass seine Verdauungsorgane auch gut entwickelt waren und flog davon.

Ilse W. Blomberg

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

?

 

 

 

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

?

 

 

 

Ilse W. Blomberg