Ilse W. Blomberg: "Die Wallfahrt nach Telgte!"
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Eine Geschichte von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg. Viel Spaß beim Lesen!
Die Wallfahrt nach Telgte!
Meine Schwiegermutter ist im Jahre 1991 gestorben. Die Jahre vor ihrem Tod hat sie die Hoffnung erfreut, ihr geliebter Enkel Hans Kristian würde eines Tages den Beruf des Priesters ausüben.
Nun mag sie beobachtet haben, dass Hans Kristian gerne zur Kirche ging, sich nicht um seine Messdienerpflichten drückte und zur Stelle war, wenn Pastor Hövels ihn auf dem Friedhof brauchte. Außerdem war er ein eifriger Kirchenzeitungsausträger. All das mag ihrem Wunsch Flügel gegeben haben
Aber seine zwei Wallfahrten nach Telgte brachten ihr die innere Gewissheit, dass ihr Enkel auf dem geistlichen Wege war. „Oma, ich fahre jetzt nach Telgte.“
„Wieso, du warst doch erst gestern mit Mama da?“ „Oma, ich habe noch nicht genug gebetet!“
Ach, wie ging Omas Herz da auf. Und wie gern steckte sie ihrem zehnjährigen Liebling einen großen Schein zu. „Junge, da kannst du doch nicht ohne Geld fahren.“
Und er fuhr. Er fuhr mit seinem Fahrrad ganz allein nach Telgte. Schon dieser Kraftakt, 31km hin und 31 km zurück, hätte eine Belohnung verdient. Aber warum fuhr er wirklich?
Den Weg war er doch erst einen Tag zuvor mit mir von Sendenhorst aus gegangen.
Und der Weg war ihm wahrlich sehr schwer gefallen.
In Alverskirchen klagte er zum ersten Mal über Fußschmerzen und machte so ein jämmerliches Gesicht, dass ich ihm riet: „Junge, komm, wir steigen in den Bus.“
„Nein, Mama, das tue ich nicht!“, lehnte er entrüstet ab.
Nach der großen Pause in Alverskirchen nahmen seine Fußschmerzen zu und ich drängte wieder: „Hans Kristian, jetzt steigen wir aber in den Bus.“ „Nein, Mama, noch nicht!“, winkte er ab.
Als er aber anfing zu hinken und ich seinen klagenden Blick auffing, mahnte ich energisch:
„So, jetzt aber Schluss mit Schmerzen, ab in den Bus!“ „Nein, Mama, es geht noch!“
Aber bald ging es wirklich nicht mehr.
Wir waren inzwischen fast am Ende der Prozessionsreihe angelangt und nun etwa zwei Kilometer vor Telgte ganz an deren Ende.
„Junge, jetzt können wir aber wirklich in den Bus steigen. Er fährt ja nur wenig hinter uns.“
Jetzt schien er endlich auch davon überzeugt zu sein, sah sich um und nickte mir zu.
Aber er hatte noch etwas anderes gesehen. Nämlich stramm hinter ihm gingen wie ein Bollwerk nebeneinander fünf gestandene Ahlener Männer. Sie schauten auf den pausbäckigen Blondschopf hinunter, ahnten seinen inneren Kampf und ermunterten ihn auf ihre Art und Weise: „Hans Kristian, deutscher Junge gibt nicht auf.“
Und? Deutscher Junge gab nicht auf. Hinkend, klagend, wehmütiger Blick in Mamas Seele und die restlichen zwei Kilometer wurden auch noch geschafft.
Aber kaum hatte der Fuß den Boden von Telgte berührt, erfuhr derselbe eine wunderbare Heilung. Das Gesicht meines Sohnes erhellte sich. Er schritt aus und lächelte. Sollte wirklich die schmerzhafte Mutter von Telgte ein Wunder gewirkt haben?
Er spitzte die Ohren und spitzte das Näschen. Welch ein wunderbarer Duft kam ihm da entgegen? Waren das nicht der Duft gebrannter Mandeln und der Duft gebratener Würstchen? Welch aufreizende Laute erreichten sein Ohr?
War das nicht wohlbekannter Kirmeslärm? Wie leicht wurde da sein Schritt. Kirmes um Mariä Geburtsmarkt. Doch zunächst empfing uns mächtig das Glockengeläut der St. Clemens-Wallfahrtskirche und verdrängte den Kirmeslärm. Und ein wenig später wurde der Duft gebratener Würstchen und gebrannter Mandeln vom Weihrauchduft abgelöst. Da stießen zwei Wirklichkeiten aufeinander. Aber die machten sich keine Konkurrenz. Im Gegenteil. Sie werteten sich durch wunderbare Ergänzung gegenseitig auf.
Noch vom Weihrauchdunst umgeben, roch der kleine Pilger die Bratwurst. Noch vom Läuten der Glocken und vom Dröhnen der Orgel erfüllt, hörte er eine andere Art von Musik. Und mit Inbrunst sang er zusammen mit allen Gläubigen: „Großer Gott, wir loben dich!“
Und er wurde nicht enttäuscht. Sein langer, zum Teil schmerzhafter Pilgergang erfuhr eine Belohnung, die er dann zusammen mit dem Vater und seinen Geschwistern genießen konnte.
Und warum reichte ihm dieser angefüllte Wallfahrtssonntag nicht? „Oma, ich habe noch nicht genug gebetet!“
So brach Hans Kristian am Montag noch einmal nach Telgte auf. Seine Oma und ihre Freundin, Käthe Bröckelmann, die auf einen Kaffee vorbeigekommen war, winkten ihm vom Balkon aus so lange nach, bis er aus ihrem Blickfeld verschwunden war.
„Käthe, ich sage dir, der Junge wird doch noch Priester!“ Oma Lisbeth sah ihrer Freundin Käthe glücklich in die Augen.
Ilse Blomberg
(ISBN: 9783833494185)