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Ilse W. Blomberg: "Ich schicke Ihnen gleich eine meiner Damen! ....

.....oder wollen Sie den Stoff nicht selber abschneiden?"
So nennt unsere Gastautorin Ilse W. Blomberg ihre Geschichte. Wir wünschen viel Vergnügen beim Lesen der Lektüre.

 

 "Ich schicke Ihnen gleich eine meiner Damen! ....oder wollen Sie den Stoff nicht selber abschneiden?"

Man muss nicht gerade nach Münster fahren, um Stoff zu kaufen. Wir aber fuhren nach Münster, Carla-Maria und ich.

Als wir bei Karstadt ankamen, war der Teufel los. Menschen wuselten hin und her, die Musik dröhnte und ein Stand mit Sektflaschen, Sektkübeln und Sektgläsern stand unübersehbar in der Eingangshalle bei der Rolltreppe. Ein Jubiläum wurde gefeiert. Alle sollten mitfeiern, und ein Gläschen Sekt  sollte beim Feiern helfen.

Ich sagte: „Carla, ich gebe dir einen aus.“ „Nein, danke,“  antwortete Carla, „das ist mir noch zu früh.“ Da hatte sie recht. Mir war es eigentlich auch noch zu früh, aber ich bin nicht so stur wie Carla und gebe dem Zufall schon mal eine Chance. Stur kann man auch mit zielgerichtet übersetzen. Und so steuerte Carla zielgerichtet auf die Stoffabteilung - Rolltreppe aufwärts - zu. Ich hinter ihr her. Für mich der Nähuntüchtigen taten sich schöne Welten auf. Da lagen Ballen um Ballen Stoff in allen möglichen Farben, Mustern, Qualitäten. Ein riesiges, sicher wohl geordnetes, für mich aber unübersichtliches Lager. Carla suchte sich mit sicherem Blick ihren Stoff aus. Es war ein rötlicher weicher samtiger Stoff, recht lappig und schwer zu schneiden. Der korrekte Name dieses Stoffes ist Chenille.  „Aus dem Stoff will ich mir Kissen nähen. Ich brauche jeweils nur 4o x 4o cm, und das soll mir hier jemand exakt zuschneiden.“, erklärte mir Carla.

Wir schauten uns beide um, aber weit und breit war keine Verkäuferin und auch kein Verkäufer zu entdecken. „Sind wohl alle beim Feiern.“, vermutete ich und wie auf Kommando ertönten aus dem etwas entfernten Teppichlager südamerikanische Rhythmen. Wir guckten uns etwas ratlos um, suchten immer noch mit den Augen diese und jene Ecke der Stoffabteilung ab und da schwebte er herein: mittelgroß und zart gegliedert. Ein wahrer Meister Zwirn aus dem Märchenbuch.  Seine Hüften schwenkten rechts und links aus. Er tänzelte an uns vorbei, uns keines Blickes würdigend, auf eine am Rande der Abteilung liegende Tür zu.  Dass er hier der Chef war, war uns sofort klar und auch, dass er uns nicht bedienen würde. Aber helfen, helfen sollte er uns.

Wir eilten ein paar Schritte hinter ihm her und sprachen ihn an: „Ist es wohl möglich, dass uns hier jemand einen Stoff abschneidet, den wir uns ausgesucht haben?“

Er drehte sich in einer ausladenden Bewegung zu uns herum und äußerte sich überaus freundlich:
„Ja, natürlich, meine Damen. Aber einen Moment werden Sie sich noch gedulden müssen. Wir haben ein Jubiläum im Hause, dann fehlen uns noch Kräfte durch Urlaub und Krankheit. Aber ich schicke Ihnen gleich eine meiner Damen.“

Ich schicke Ihnen gleich eine meiner Damen. Ja, er war hier der Chef und ab diesem Moment nicht mehr gesehen und auch keine seiner Damen. Stattdessen näherte sich uns ein schmucker Mann, so um die 4o Jahre alt, recht lässig daherschreitend. Auf den ersten Blick vermutete ich in ihm einen Medizinstudenten, der mal eben hier herumjobbt. Nur mit dem Alter kam das ja nicht so hin. Lächelnd, wenn auch ein wenig unsicher sagte er: „Ich soll Ihnen hier weiterhelfen, was kann ich für Sie tun?“

Carla antwortete ihm: „Ja, es wäre nett, wenn Sie uns hier den Stoff abschneiden würden.“

„Wieviel Stoff benötigen Sie denn?“ fragte er nach.

„Ja, ich hätte gern 2 x 4o x 4o cm zugeschnitten,  geht das wohl?“

„Gut, dann wollen wir mal. Suchen wir mal eine Schere.“, ging der schmucke Mann das Unternehmen an. Die Schere wurde schnell gefunden. Eine solche Schere hatte ich schon einmal gesehen. Nur nicht bei der Verwendung von Stoffen. Eine solche Schere lag bei uns in der Schule im Erste-Hilfe-Fach und soviel ich wusste, schnitt man damit Mullbinden ab.

Carla fand die Schere vollkommen in Ordnung, nur ich hatte so meine Zweifel. Wie, wenn es doch ein Medizinstudent war oder ein arbeitsloser Arzt, der besser mit Scheren aus dem medizinischen Bereich zurechtkam, als mit Scheren aus dem Bereich der Schneiderei. Der Mann, also der Verkäufer, hielt die Schere lange in seiner Hand, ging um den Stoff herum, machte hier und da den Versuch, in den Stoff hineinzuschneiden, aber er schnitt nicht.

„Ich messe lieber noch einmal nach“, zögerte er und maß nach. Danach schnitt er immer noch nicht.  „Der Stoff ist etwas schwierig, etwas lappig, sehr weich“, bemerkte er vollkommen richtig. „Ja, deshalb möchte ich den Stoff ja so gerne richtig abgeschnitten haben,“ lachte Carla ihn freundlich an. 

Nun meinte ich dem Mann helfen zu müssen. Ich war fest davon überzeugt, dass die große Unsicherheit des Mannes nur an der falschen Schere lag. So wagte ich zu sagen: „Das ist nicht die richtige Schere, damit kann man nicht gut schneiden.“ Obwohl Carla es ja eigentlich hätte besser wissen müssen, hielt sie sich vornehm zurück. Der Verkäufer aber glaubte mir sofort, eilte davon und sagte: „Ich hole eine andere Schere.“ Er verschwand hinter der Tür, die zu dem Raum führte, in dem sich der Meister aller Stoffe, der Chef, noch befinden musste. Hier hielten sie sicher Rat, denn es dauerte lange bis wir unseren Verkäufer wiedersahen. In der rechten Hand hielt er eine neue Schere. Diese sah aber der ersten Schere nicht unähnlich.

Genau betrachtet, konnte es auch dieselbe sein.

„Nun aber fröhlich ans Werk“, meinte er, zückte die neue Schere, zielte auf die Markierung im Stoff und schnitt nicht. Er hob die Schere etwas unglücklich in die Luft und fragte Carla: „Wollen Sie den Stoff nicht selber abschneiden?“  Da kannte er Carla aber schlecht. Sie war ja nicht extra 35 km nach Münster gefahren, um sich den Stoff selber abzuschneiden. „Nein“, sagte sie, „das kann ich nicht so gut, machen Sie das doch bitte.“ Für einen Moment hielt er auch mir die Schere entgegen, aber mein verständnisloser Blick ließ ihn die Hand wieder sinken.

So standen wir drei immer noch unverrichteter Dinge um den Chenillestoff herum. Da blitzte es kurz in den braunen Augen des Stoffverkäufers auf und er teilte uns mit, wie er das Problem zu lösen gedachte. „Wissen Sie was, ich schneide Ihnen den Stoff so großzügig zu, dass Sie zu Hause bequem 2 x 4o x 4o cm daraus bekommen. Sie brauchen aber nur die von Ihnen gewünschten Maße zu bezahlen. Ist das in Ordnung?“ Carla seufzte ein wenig und stimmte zu: „ Das nützt mir zwar wenig, aber von mir aus.“

Jetzt schnitt der Verkäufer recht großzügig zu. Für mich sah alles sehr schräg aus, aber geschnitten war es. Er packte alles in eine Tüte, schrieb Maß und Meterpreis auf einen Zettel und wies uns den Weg zur Kasse. Ein wenig blieben wir noch stehen und der Verkäufer auch.

Irgendwie fassten wir es nicht ganz, dass ein Verkäufer in einer Stoffabteilung eines so renommierten Kaufhauses wie Karstadt  keinen Stoff abschneiden konnte. Und so konnte ich es mir nicht verkneifen zu sagen: „Nächsten Samstag kommen wir  wieder, wir brauchen noch mehr Stoff.“ „Da bin ich in  Urlaub!“, reagierte er schnell.  „Nun, dann kommen wir ein anderes Mal wieder“, stellte ich ihm in Aussicht. „Da werden Sie mich hier nicht finden“, winkte er ab. Dieses ist nämlich nicht meine Abteilung. Ich bin aus der Nachbarabteilung, Betten, Matratzen, Lattenroste und alles, was dazugehört.“

Ach so war das, das erklärte ja alles. Also kein jobbender Medizinstudent, kein arbeitsloser Arzt, kein Fachverkäufer in der Stoffabteilung, sondern eine Fachkraft für Betten und alles was dazu gehört.

Aber Betten, Betten brauchten Carla und ich nicht. Oder etwa doch?

Ilse W. Blomberg
aus dem Buch: "Tschüss, gnädige Frau"

Ilse W. Blomberg