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Ilse W. Blomberg: Mein Beetle – 1999 – 2014!

 

Eine Geschichte von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg. Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.

Mein Beetle – 1999 – 2014!


Ich wollte ihn nicht haben. Gewehrt habe ich mich gegen ihn. Ich war mit meinem Fiat zufrieden und konnte die Vorurteile : FIAT = Fehler in allen Teilen in keiner Weise bestätigen. Mein Fiat brachte mich überall hin, sprang immer an und verbrauchte nicht viel Benzin. Gut, andere Automobile mögen mehr hermachen, aber das ist mir nie wichtig gewesen. Ein Auto muss fahren, und das tat mein Fiat-Punto!

Aber mein Sohn ließ nicht locker.

„Mama, ich stelle Dir meinen Beetle vor die Tür. Fahr den. Ich bekomme da nichts mehr für und ich brauche in der Großstadt kein Auto. Jetzt ist Muttertag, da hast du ein schönes Geschenk. Mich freut es, wenn der Beetle in der Familie bleibt.“

Und er blieb in der Familie, ja und letztendlich bei mir, obwohl ich ihn auch anderen Familienangehörigen angeboten hatte.

Ich wollte ihn nicht und doch hatte ich ihn jetzt. Meinen Fiat verkaufte ich und ließ mich auf den Beetle ein.

Er war ein ganz anderes Kaliber, als mein Fiat und machte mir angst.

Wenn mein Fiat auf der Autobahn so um die 150 fuhr, dann rappelte die ganze Kiste und ich ging schon ganz freiwillig vom Gas runter. Jetzt sollte ich 190 km in der Stunde fahren können? Ich bekam einen Albtraum. In dem Traum machte das Auto, was es wollte, fuhr rückwärts einen Hang hinunter und ich war ihm hilflos ausgeliefert.

Meine Technikphobie hatte mich fest im Griff und ich wollte ihn wieder loswerden. Aber verkaufen? Für`n Appel und nen Ei? Das wollte ich auch wieder nicht.

Dann kam mein Sohn noch einmal wegen des Beetles von Stuttgart nach Ahlen und meinte: „Wir fahren jetzt durch die Gegend, dann wirst Du immer vertrauter mit dem Beetle. Er ist so ein sicheres Auto und sieht doch gut aus.“

Wir fuhren um Haus Küchen herum, bei Schwippe und der Feuerwehrausbildungsstätte vorbei, zurück über den Homannsweg hinter Geisthövel-Pellengar und Wiesendahl Richtung Stadtmitte. Irgendwie zog der Beetle so zum rechten Graben hin. Und das erinnerte mich an Frau Josefa Fröchte, die mir von ihrem Pony und dem Pferdeschlitten erzählt hatte. Sie erzählte, dass ihr Pony bei Schnee den Pferdeschlitten immer so zum Graben hin zog, dass sie richtig Angst bekam. Mir war der Rechtsdrall dieser Pferdestärke auch nicht geheuer.

„Ja, Mama, da musst du gegen steuern, die Macke hat er. Er zieht so ein bisschen nach rechts.“

So, so.

Er war in meinem Besitz.

Vertraut wurde er mir lange nicht. Ich fuhr sehr vorsichtig, weil ich davon überzeugt war, er fährt mit mir und nicht ich mit ihm. Dann musste ich mir noch ein paar Bemerkungen anhören: „Angeberauto“, z.B. oder: „Ich wundere mich, dass Ihre Altersklasse so ein Auto fährt.“ Ich hätte ja sagen können, „nur kein Neid,“ aber ich war immer vollkommen frustriert und wenn man mir die Möglichkeit gab, entschuldigte ich mich für das Auto und erklärte, dass es eigentlich meinem Sohn gehört, was ja nur ein bisschen gelogen war.

Also, ich stand nicht zu ihm. Wie konnten wir da zueinander finden?

Und dann fing er an, mich zu ärgern. Ständig zog die Batterie sich leer. Der Fehler ließ sich lange nicht finden. Dann ging die Alarmanlage unmotiviert an und auch hier wusste ich mir keinen Rat. Einmal fuhr ich mit ihm, obwohl er in regelmäßigen Intervallen Signale aussendete von der Hardenbergstraße bis zum Altefeld. Nur Ärger! Als dann das linke Fenster nicht mehr hoch ging und ich mit offenem Fenster um 23 Uhr von Enniger nach Ahlen fahren musste, war es so weit. . Der Beetle musste weg. Musste in Profihände. Viel zu viel Technik für eine Frau mit Technikunverstand.

Gedacht, getan. Autohäuser wurden aufgesucht. Schließlich war ich davon überzeugt, dass es ein Opel-Meriva sein sollte. Meine Familie hatte Nachwuchs bekommen und der Beetle zeigte sich mit seinem kleinen Kofferraum nicht gerade kinderfreundlich. Also noch mehr Grund, das Auto zu wechseln.

Ich machte eine Probefahrt mit dem Opel und war ganz angetan von der Größe, von der leichten Lenkbarkeit und dem Aussehen des Opels.

Ja und jetzt stellte ich dem Autoverkäufer und dem Kraftfahrzeugmeister meinen Beetle vor. Und von der Beantwortung der Frage: „Was bekomme ich noch für mein Auto?“, hing meine endgültige Entscheidung ab.

Mein Beetle kam auf die Rampe und wurde begutachtet, während wir schon die Konditionen für den Neukauf bedachten und aushandeln wollten.

Der Kraftfahrzeugmeister unterbrach unser Verkaufsgespräch:

„Ja, also, die Macken, die der hat. Neuer Auspuff, dann die ganze Karosserie, alles muss neu lackiert werden und so weiter. Er ist in keinem guten Zustand. Höchstens 3000 €.“ Dann verließen beide das Büro und telefonierten.

Und da begann sich in mir etwas zu verändern. Ich entdeckte einen kleinen Anflug von Herz für den Beetle.

„So schlecht war der nicht. So fertig konnte man ihn nicht machen. Und überhaupt, gepflegt hatte ich ihn, immer Öl gegeben und innen sauber gemacht. Sogar ab und an eine frische Nelke in den kleinen Blumenständer getan. Wasser nachgegossen und die Macken mit dem Lackstift kaschiert. Nein, so ging das nicht. 5000 €, das musste das Angebot sein. Das musste er wert sein.“

Die Herren kamen wieder herein und teilten mir mit:

„Wir bringen den Wagen hier nicht wieder in Ordnung und auf Glanz. Das ist zu aufwendig, zu teuer für uns.

Aber wir bieten Ihnen 4000 € beim Kauf des Opel-Meriva.“

War ja schon ein besseres Angebot. Und wenn ich es richtig bedachte, der Beetle war ja auch mehr was für junge Leute, mehr für Singels. Der Spritverbrauch war auch recht hoch. Was wollte meine Altersklasse überhaupt mit so einem „Angeberauto“! Also loslassen, neu kaufen. Ich war so weit. Ich war wirklich soweit. Aber dann interessierte mich doch sein weiterer Werdegang. So viele Wege war ich mit ihm gefahren und nun wollte ich doch wissen, wohin ihn sein Weg ohne mich führt. Vielleicht sein letzter Weg.

Und so stellte ich noch diese einzige Frage. „Wo kommt der Beetle denn hin, wenn Sie ihn nicht auf Hochglanz bringen?“

„Er kommt in den Osten!“, lachte der Verkäufer und der Kraftfahrzeugmensch lachte mit.

„Gut, also in den Osten. Geben Sie mir die Unterlagen mit. Ich melde mich spätestens morgen Abend.“

Und dann fuhr ich mit meinem dunkelblauen Beetle, der am 2.3.1999 zum ersten Mal zugelassen wurde, von Beckum ganz ruhig nach Hause, nach Ahlen.

Und ich fasste es nicht. Mir liefen so die Tränen herunter. Und ich sprach mit ihm. Ich sprach mit meinem Auto:

„In den Osten wollen die Verbrecher dich schicken. In den Osten also. Da dreschen sie dich. Da fahren sie durch den Wüstensand mit Dir. Da gerätst du noch in einen Sandsturm.

Oder die Gangster in Sibirien. Sie jagen dich durch die ganzen Löcher, denn die haben keine guten Straßen. Sie pflegen dich nicht und fahren dich, bist du ganz auseinanderbrichst. Sie lassen dich verrosten und schlachten dich aus. Sie taxieren dich nach dem Schrottwert. Das lasse ich nicht zu, Beetle. Wir bleiben zusammen, bis dass der Rost uns scheidet.“

 

Nachtrag:

Nach diesem Treueschwur sind wir noch vier Jahre zusammen gereift, dann aber wollte der Herr vom TÜV nicht mehr sein „Tadellos in allen Teilen“ geben, und ich wollte keine weiteren Reparaturen (sprich Operationen) an ihm vornehmen lassen. So gab ich ihn schweren Herzens für einen neuen Opel Corsa dahin. Jetzt war der überaus liebenswürdige Autoverkäufer aber auf der Hut. Als ich ihm die gleiche, für mich so wichtige Frage, wie vor Jahren stellte: „Wo kommt mein Beetle denn hin?“, antwortete er: „Ins Paradies!“ Na ja, wer will da nicht hin?


Ilse Waltraut Blomberg





Ilse W. Blomberg