Ilse W. Blomberg: "Palmsonntag mit Pfarrer Willi Stroband"
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Am Vorabend von Palmsonntag veröffentlichen wir eine Geschichte von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg.
Palmsonntag mit Pfarrer Willi Stroband
Was war das für ein grauer und kalter Tag. Palmsonntag 2010. Meine Enkeltöchter Jola Marie und Hanna und auch ihr Papa drängten trotzdem zur Familienmesse in St. Ludgeri.
Also gut, es gibt kein schlechtes Wetter, es gibt nur unpassende Kleidung.
Wir kamen ziemlich pünktlich an und reihten uns in den Kreis der Kirchenbesucher ein, die den ersten Teil der Messe im Pfarrhof mitfeiern wollten. Viele Kinder hatten selbst angefertigte Palmstöcke dabei. Einige Palmstöcke zur Freude von Pastor Stroband sogar mit blau-weißen Krepppapierbändern. Für alle, die keinen Palmstock mithatten, gab es genug Buchsbaum. So auch für uns. Mit Buchsbaumzweigen in den Händen standen wir im Kirchenhof und froren der Prozession entgegen. Zunächst wurde kräftig gesungen, laut gebetet und Pastor Stroband zugehört: „Ich erzähle euch einmal, wie das damals wirklich war, als Jesus in Jerusalem einzog. Da drüben ist ja die evangelische Kirche. Feiern die eigentlich auch Palmsonntag, so wie wir hier? Wenn nicht, dann muss ich mit dem Luther mal reden. Später, meine ich, wenn ich im Himmel bin.
Also, ihr kennt doch auch große Stars, die so von Menschen verehrt werden. So Fußballspieler zum Beispiel Kuranyi oder eben Schalkespieler. So, und wenn der Kuranyi dann an Euch vorbeigeht, dann ruft ihr laut: „Kuranyi“ oder „Super“ oder „Klasse“ oder so. Und wenn der Euch die Hand gibt, dann wollt ihr die Hand gar nicht mehr waschen. Das ist eben was ganz Besonderes. Da läuft einem der Schauer über den Rücken oder man bekommt eine Gänsehaut, weil das alles so toll ist, so cool. Und so war das auch mit Jesus. So verehrten die Menschen ihn.
Jetzt laufe ich an Euch vorbei und gebe euch die Hand, dann üben wir das schon mal.
Nun kommt Jesus in die Stadt Jerusalem und die Menschen stehen an den Straßen. Sie werfen Palmzweige und Kleidung auf die Straße. Jetzt machen wir das mal. Wer kann mal seine Jacke auf die Steine legen? Keiner? Ja dann vielleicht mal einen Schal oder so oder ein Tuch? Gut.“
Dann holte Pastor Stroband aus dem Korb in der Mitte des Hofes Buchsbaum, verteilte reichlich Weihwasser auf alles Grün und auf uns und sagte: „Jetzt werfen wir die Palmzweige auf die Steine.“
„Willi, das sind keine Palmzweige, das ist Buchsbaum!“, riefen einige Jungen. „Ja,klar!“
„Und Jesus sitzt auf einem Esel und reitet an ihnen vorbei. Und die Menschen rufen nicht „Klasse“ oder „Super“ oder „Kuranyi“, sie rufen: „Hosianna!“
Und nun wollen wir das auch tun. Ruft mal alle „Hosianna.“
Aus vielen Kehlen kam wie gewünscht „Hosianna“.
„Was? Das soll Rufen sein. Das hört ja keiner. Wir wollen das jetzt mal üben. Also alle ganz laut: „Hosianna“. Hosianna ist ein Jubelruf. Die freuen sich: Hosianna.“
Und wieder tönte der Jubelruf „Hosianna“ über den Hof. Aber Pastor Willi Stroband war noch nicht zufrieden.
„Noch lauter, das war noch nichts, „Hosianna“, nicht „Halleluja“, „Hosianna!“
Ich rufe euch das mal vor: „Hosianna!!!“
Bitte, alle und ganz laut: „Hosianna!“
Die westfälischen Christen bemühten sich redlich, aber ihr Meister in Sachen Hosiannarufen war noch immer nicht überzeugt.
„Das soll laut sein? Nicht so schüchtern, ganz, ganz, ganz laut.“
Endlich schwoll der Christenchor an und erbrachte mehr Phon als zuvor.
„Ja, das geht. So, ich gehe vorweg, die Messdiener hinter mir, und ihr ruft alle ganz laut „Hosianna.“ Ihr seid das Volk, die Menschen, die Jesus zujubeln.“
Endlich war es soweit. Der Prozessionszug konnte beginnen. Pastor Stroband war mit der Lautstärke des Hosiannarufes zufrieden.
Er sagte noch etwas zur Palmsonntagsgeschichte und nun hatten wir unseren Hosiannaeinsatz.
Meine Enkeltöchter, mein Sohn und ich öffneten schon den Mund zum lauten Hosianna, da fing es an zu regnen. Zusammen mit einigen anderen vollendeten wir den Hosiannaruf, aber mehrere Jugendliche riefen statt Hosianna: „Willi, es regnet!“ Und sie übertönten die Lobrufer lautstark, obwohl sie dafür vorher nicht geübt hatten. Mit diesem Ausruf auf den Lippen sprengten sie in drei Richtungen davon. Andere folgten ihnen.
Pastor Willi Stroband rief: „Nein, alle hinter dem Priester her!“ Aber er hatte seine vorher Hosianna rufende Menschenschar nicht mehr geschlossen an seiner Seite. Weder rechts noch links noch hinter sich. Sie hatte ihn verlassen und mischte sich vorzeitiger als geplant unter die Gläubigen in der Kirche. Wir wollten gerne dem Pfarrer folgen, aber als er den Weg durch die Sakristei wählte, folgten wir ihm auch nicht und gingen durch den Nebeneingang in die Kirche. Hier warteten wir auf ihn. Und er kam, genau wie er es sich vorgenommen hatte, allerdings nur von den Messdienern und Messdienerinnen begleitet, ganz ruhig aus der Sakristei heraus und lächelte.
Eine Prozession hatte nicht wirklich stattgefunden, aber Gläubige waren genug da und feierten weiter die Messe mit.
Unter dem regenabweisenden Kirchendach rief allerdings keiner mehr „Hosianna“. Und kein Pfarrer forderte: „Das war noch nicht laut genug!“ „Willi, es regnet!“, war natürlich auch nicht vonnöten.
Die ganze Draußenbewegung fand in den schützenden Kirchenmauern ihre Ruhe und ihre Fortsetzung. Pfarrer Stroband lud die Kinder zum Einzelsegen ein. Und sie kamen. Und er segnete jedes Kind in einer solchen freundlich gesammelten Zugewandtheit, dass ich dachte: „Sicher nicht besser als Jesus, aber viel ,viel besser als Kurany.“
Ilse Blomberg