Ilse W. Blomberg: "Tschüss, gnädige Frau"
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Wir wünschen wieder einmal viel Vergnügen beim Lesen dieser Geschichte von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg
Tschüss, gnädige Frau!
Am Sonnabend gegen 11 Uhr war schon wieder jemand an meiner Tür. Er wollte, dass ich einer Organisation etwas spende. Das wollte ich aber nicht. Da wurde er ungehalten und meinte etwas spitz: „Ach, die lieben Mitmenschen sind ja sooo freundlich, besonders auf Ihrer Straße.“
Nun, ob die Menschen auf meiner Straße freundlich oder unfreundlich sind, kann ich ja wohl besser beurteilen als er. Aber auf Diskussionen an der Haustür lasse ich mich schon lange nicht mehr ein. So ließ ich mich auch nicht mit dem in ein Verkaufsgespräch ein, der mir ein Abonnement der Zeitschrift „Zeit“ einreden wollte. Er bekam meine Unterschrift nicht. Verärgert sagte er daraufhin: „Für diese Zeitung haben Sie sowieso kein Niveau.“
Zeitungswerber, Abonnentenjäger, Mitgliedsucher, Glückwunschkartenverkäufer und Wäscheklammeranbieter haben mancherlei Tricks auf Lager, um zu ihrem Ziel zu kommen. Sie stehen ohne höflichen Abstand gleich hinter der Tür. Auf Ablehnung reagieren sie mit Vorwürfen. Entweder ist man nicht freundlich, hat kein Niveau, hat Vorurteile gegen ehemalige Strafgefangene, will Jugendlichen nicht helfen und so die Zahl der Arbeitslosen vergrößern oder man hat einfach kein Herz.
An der Reihe der Argumente ist schon zu erkennen, wie oft ich von Leuten an der Tür aufgesucht werde. Sie sind nicht mit mir verwandt, nicht mit mir bekannt, nicht mit mir befreundet. Ich freue mich nicht über ihren Besuch und doch kommen sie immer wieder, wenn auch ihre Gesichter andere sind.
Aber da gibt es noch eine andere Gruppe von Anschellern. Es ist die Gruppe derer, die ganz unten vor den Treppenstufen stehen bleiben und warten können. Sie haben Zeit. Sie wollen nichts verkaufen. Sie wollen einfach betteln. Sie verstecken ihr wahres Gesicht nicht hinter einer aufgesetzten Forschheit. Ihre Kleidung, ihre Körperhaltung, ihr Blick, manchmal auch ihr Geruch spricht eine ehrliche Sprache. Und wenn sie um Geld für die Weiterfahrt nach irgendwohin bitten, lügen sie so ungeschützt, dass es der Wahrheit ganz nahe kommt.
Und derjenige, der um Geld für Hundefutter gebeten hat, damit seine Bonnie was zu fressen hat, hat auch seinen Anteil für seine Flasche Schnaps von mir bekommen.
Ich will nicht sagen, dass ich mich über diese Art von Besuchern freue. Aber sie sind mir nicht so unangenehm, wie die Fremden, die unter Druck stehen, verkaufen zu müssen.
Einer aus der Gruppe, der „leicht Durchschaubaren“ ist für eine geraume Zeit mein „Stammgast“ gewesen, obwohl er mein Haus nicht von innen gesehen hat.
Das kam so.
Es war mitten im Sommer 1995. Es war ein heißer Sommer. Es war so heiß, dass ich es nur im Keller aushalten konnte. Ich sah mir gerade Bilder in einem Buch mit dem Titel „Im ewigen Eis“ an, da schellte es. Ich erhob meinen müden Körper in Richtung Haustür.
Da stand unterhalb der Treppenstufen in der sengenden Sonne ein Mann. Ich dachte, der hat einen Schwächeanfall und wollte schon nach einem Glas Wasser laufen, da überraschte er mich mit der Frage: „Haben Sie für mich etwas im Garten zu tun, gnädige Frau?“
„Bei der Hitze wollen Sie im Garten arbeiten? Nein, hier gibt es nichts zu tun“, antwortete ich ihm.
Er: „Ja, wenn das so ist, wenn hier nichts zu tun ist, könnten Sie mir dann vielleicht weiterhelfen? Ich bin nicht von hier und muss noch nach Hamm. Haben Sie eine Kleinigkeit an Geld für mich, gnädige Frau?“
Ach so war das, na klar!
Ich weiß nicht warum, aber ich gab ihm 20,- DM und sagte zu ihm: „Hier, machen Sie mit dem Geld, was Sie wollen, aber kommen Sie nicht wieder, auch nicht, um im Garten zu helfen.“
Er verbeugte sich: „Danke, gnädige Frau, ich komme nicht wieder. Sie haben mir sehr weitergeholfen.“
Für eine gewisse Zeit ist er tatsächlich nicht mehr gekommen. Dann stand er wieder vor meiner Haustür, schellte und stand einfach da.
Ich begrüßte ihn: „Sie wollten doch nicht wiederkommen!“ Er nickte: „Ja, stimmt aber jetzt bekomme ich eine kleine Wohnung, mehr ein Zimmer, da dachte ich, dass Sie mir vielleicht etwas unter die Arme greifen könnten, gnädige Frau, mit einer Kleinigkeit so, irgendwie.“
Ich gab ihm eine Kleinigkeit von 2,-- DM. Er nahm das Geld, bedankte sich höflich mit „Vielen Dank, gnädige Frau, Sie haben mir sehr weitergeholfen!“
Er kam danach noch öfter. Geld gab ich ihm aber keines mehr. Doch er war mit allem immer einverstanden und bedankte sich fast überschwänglich: „Danke für die Apfelsinen“, „danke für die ach so schönen Plätzchen“, oh, ein Butterbrot tut gut“.
Eines Tages sagte ich zu ihm. „Also wissen Sie, jetzt, wo Sie sesshaft sind und ein Dach über dem Kopf haben, brauchen Sie nicht mehr zu kommen.“ Da überraschte er mich wieder mit seiner Antwort: „Ach, gnädige Frau, ich habe doch nur Sie.“ Ja, wenn das so war, sollte es an ein wenig zu essen nicht scheitern. Er würde es schon leid werden.
Und dann sah ich ihn zum ersten Mal außerhalb meiner Umgebung. Er kaufte mit Freunden bei Aldi an der Weststraße ein. Bier, Cognac, Schnaps reichlich.
Als er dann danach wieder vor meiner Tür stand, konnte ich es mir nicht verkneifen zu sagen: „Ich habe Sie neulich bei Aldi gesehen. Da haben Sie aber groß Alkohol eingekauft.“
Er: „Ja, gnädige Frau. Und haben Sie auch die kleine Flasche Cola gesehen? Die war für mich.“
Aha. Dieser Mann hatte wirklich tolle Lösungsmodelle. Da staunte ich mal wieder.
„So, die war für Sie? Ja, dann ist es ja gut!“
Da wandte er sich zum Gehen, ohne um etwas gebeten zu haben und sagte: „Tschüss, gnädige Frau. Sie sind ein guter Mensch.“
Und obwohl ich doch so ein guter Mensch bin, ist er nie wiedergekommen.
Aber das wollte ich doch so.
Ilse W. Blomberg
aus ihrem Buch "Tschüss, gnädige Frau"