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Ilse W. Blomberg: "Vorsätze zum Jahresbeginn"

Wie war es bei Ihnen in der Silvesternacht? Haben Sie sich auch für das neue Jahr etwas vorgenommen? Oder sind Vorsätze für Sie tabu, weil Sie genau wissen: "Da wird nichts draus!"
Ilse W. Blomberg erzählt uns zu diesem Thema eine kleine Geschichte "Vorsätze zum Jahresbeginn". Viel Spaß beim Lesen!

 

 

 

 

 

Vorsätze zum Jahresbeginn

Mein Neffe Manni, der hätte es im Sommer fast geschafft. Das mit dem Rauchen nämlich. Besser gesagt, das mit der Abgewöhnung des Rauchens.
Und das hatte nichts mit dem Druck aus dem familiären Umfeld zu tun. Nichts mit der kalten Luft auf Terrassen und Balkonen. Nichts mit der spitzen Bemerkung seiner Freundin: „Kuss ohne Nachgeschmack, das wärs mal.“ Nein, er wollte es selbst und sagte zu sich mit fester Stimme: „Ich rauche nicht mehr.“

Und eigentlich hätte er schon im Sommer daran festgehalten, wenn ihm nicht sein bester Freund Berni zwei Stangen Zigaretten von irgendeinem Butterschiff oder aus Helgoland oder von irgendeinem Flughafen mitgebracht hätte.

Aber jetzt zum Jahreswechsel, da wollte er seinen Entschluss in die Tat umsetzen. Endlich. Er war so weit. Es war so weit. In der Sylvesternacht im Beisein seiner besten Freunde wollte er es öffentlich machen. „Ich, Manni“, wollte er sagen, „nehme mir fest vor, ab dem 1. Januar des neuen Jahres nicht mehr zu rauchen.“Nein, er würde es kürzer sagen, bestimmter, überzeugender, fester: „Ich, Manni, werde ab dem 1. Januar keine Zigrette mehr anfassen.“

Ja, so würde er es sagen und die Halsschmerzen, die er seit einigen Tagen verspürte, hatten absolut keinen Einfluss auf seinen Vorsatz. Nein, er wollte es ja sowieso, schon seit letztem Sommer, wenn das nicht mit dem Berni dazwischen gekommen wäre.

Und nun war der Augenblick gekommen. Sylvesternacht – Stunde der Vorsätze!

Seine Freunde und er standen mit einem Glas Sekt in der Hand im Kreis zusammen. Jeder musste einen Vorsatz nennen. So hatten sie es immer gehalten. So war es auch in dieser Sylvesternacht.

Melanie fing an: „Ich nehme mir vor, im neuen Jahr regelmäßig schwimmen zu gehen.“ Steffi machte weiter: „Ich werde meine Englischkenntnisse in der VHS aufbessern und erweitern.“ Dann kam Peter dran: „Ich nehme mir vor, im neuen Jahr mehr Wasser als Bier zu trinken.“ Und Berni gelobte: „Ich werde so weit wie möglich, auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen.“

Ja, und jetzt war Manni an der Reihe. Die Freunde schauten ihn an. Und er war bereit. Gerade wollte er seinen großen Vorsatz mit fester Stimme aussprechen: „Ich, Manni, werde ........“, da merkte er, dass sich seine Halsschmerzen unglücklicherweise auf seine Stimmbänder gelegt hatten. Er bekam keinen Ton heraus. Er war stockheiser. Ja und flüstern wollte er einen so großen Vorsatz nicht. Er wickelte sich zur Entschuldigung einen dicken Schal um den Hals, deutete mit dem Zeigefinger in Richtung Stimmbänder und hielt den Mund geschlossen. Still und nachdenklich ließ er das ganze Glas Sekt durch seine Kehle rinnen. Und in der Stille des Nachdenkens überkam ihn die Erkenntnis.

Was in dieser Sylvesternacht nicht gesagt wurde, war nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben, konnte ja noch in der kommenden gesagt werden.

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Ilse Blomberg

 

Ilse W. Blomberg
aus dem Buch "Es knistert im Kamin"