Ilse W. Blomberg: "Zwei rechts, zwei links!"
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Wer bei dieser Geschichte von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg an ein Strickmuster denkt, der ist auf dem Holzweg......aber lesen Sie selbst!
Zwei rechts, zwei links!
Neulich hatte ich meine Nachbarinnen zum Kaffee eingeladen. War nett. Da überraschte mich eine Nachbarin mit folgender Frage:
„Was für eine Lehrerin sind Sie eigentlich? Ich habe gehört, Sie sind nur Musiklehrerin.“
Nun, ich dachte immer, dass ich Grundschullehrerin bin, hätte sich in einer Kleinstadt wie Ahlen längst herumgesprochen. Um genau zu sein, bin ich sogar berechtigt, Schüler bis Klasse 10 zu unterrichten. Aber ich beglückwünsche mich noch täglich dafür, dass ich Grundschüler unterrichte und das hat auch etwas mit dem Fach Musik zu tun. Grundschüler und Grundschülerinnen lieben Musik. Sie singen gern, tanzen gern, setzen Musik gestalterisch um und hören auch gern Musikstücke. Also dieses Fach unterrichte ich auch gern. Aber natürlich unterrichte ich nicht nur Musik. Das wäre eine solch große Kraftanstrengung, der ich mich nicht täglich im Unterricht unterziehen möchte. Also „nur Musiklehrerin“!?
Jeder Musiklehrer hat meine allergrößte Hochachtung.
Dass aber professionelle Musiker, die mit Musik ihr Geld verdienen, gar nicht so hoch von sich denken, durfte ich bei einem Konzert erfahren.
Es ist jetzt schon einige Jahre her. Es war das letzte Konzert der Saison auf Schloss Vornholz in Ostenfelde. Ich war mit Freunden dort. Als wir den Rittersaal betraten, merkten wir, dass wir unmöglich zusammen sitzen konnten. Es war schon so voll, dass jeder von uns eine eigene Ecke zugewiesen bekam.
Ich saß z.B. in der ersten Reihe an einer Wand, an der normalerweise keine Stühle stehen, da der Platz den Interpreten vorbehalten wird. Aber heute war alles anders. Das Konzert, das für draußen in Schlosshof geplant war, konnte wegen des schlechten Wetters eben dort nicht stattfinden und noch mehr Stühle mussten in den Rittersaal geschleppt werden. Ich saß schon recht eng, musste dann aber noch beobachten, dass hinter mir eine zusätzliche Reihe aufgebaut wurde. Als endlich alle mehr oder weniger angenehm saßen, begann das Konzert. Es bot sich folgendes Bild: Die Orchestermusiker saßen brav auf ihren Plätzen vom Publikum eingekreist. Dr. Burkhard Löher, der eben noch Stühle geschleppt hatte, stand etwas erhöht und hob den Taktstock. Der dirigierte und führte seine Musiker durch Mozart und Haydn. Wir Musikliebhaber vergaßen die Enge und spendeten reichlich Beifall.
In der Pause fanden wir Freunde uns wieder im Foyer zusammen und tranken ein Gläschen. Nach der Pause tauchten wir wieder in unsere Ecken ein. Nun hatte sich aber während wir fröhlich Sekt tranken, das Orchester in seiner ganzen Stärke ausgebreitet. Also noch mehr Musiker und noch weniger Platz. Mein Stuhl befand sich jetzt nicht mehr hinter dem Orchester, sondern schon fast im Orchester. Rechts von mir saß ein etwas jüngerer Geiger, links von mir ein im Dienst ergrauter.
Mit aller Macht wollte ich nach hinten rücken. Das ließen aber die, die mit ihren Stühlen schon an der Wand saßen nicht zu. Also rückte ich nur körperlich ein wenig nach hinten, der Stuhl ließ sich nicht verrücken.
Ich guckte einmal rechts und einmal links zur Seite und entdeckte, dass die beiden Herren Musiker diese Situation recht lustig fanden. Wir tauschten ein paar freundliche Begrüßungsworte aus und lächelten uns an. Auf diese Art ermutigt, sagte ich zu den Herren: „Tut mir Leid, ich habe heute meine Violine vergessen.“
Die beiden Herren reagierten schnell. Fast gleichzeitig boten sie mir ihr Instrument an. Ich wehrte erschrocken ab: „Um der Wahrheit die Ehre zu geben, ich spiele gar nicht Geige. Ich kann das gar nicht! Die beiden Herren erwiesen sich jetzt aber als Pädagogen und hielten mir den Bogen hin. Sie meinten: „Ist doch ganz leicht – zwei rechts, zwei links-. Kann jeder. Immer nur zwei rechts – zwei links. Bitte!“
Leider wurde meine erste Geigenstunde kein Erfolg, wie auch? Burkhard Löher stand ja schon an seinem Dirigentenpult, wartete auf allgemeine Ruhe und natürlich auf die Konzentration seiner beiden Musiker. Die merkten dann etwas verzögert, was der Taktstock geschlagen hatte und hoben den Bogen nun in die richtige Richtung.
Mich aber traf ein so vernichtender Blick von Dr. Löher (ehemals Musiklehrer am Gymnasium St. Michael), dass ich es nicht noch einmal wagte, Kontakt mit meinen beiden Teufelsgeigern aufzunehmen.
Aber einerlei. Die Freude über mein kleines, menschlich musikalisches Intermezzo konnte mir der tadelnde Blick des Dirigenten nicht nehmen. Und auch nicht den Genuss an der Badenerie von Bach aus der Suite Nr. 2 in b moll, BWV 1067.
Ilse W. Blomberg