Manfred Pieske: "So weit, so selig"
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Eine Geschichte von unserem Gastautor Manfred Pieske
SO WEIT, SO SELIG
WAS FÜR EINE STIMME. Samtig, verhalten und doch im Tonfall kräftig. Mit einem Vibrato, das fast unmerklich durchklang, meldete sich bei mir am Telefon eine Frau und sagte: „Leben wir nicht alle dem Tod entgegen?
“
Ich lauschte, drückte die Hörmuschel fester gegen mein Ohr. Was war denn das? Das war eine Frage, die sich nicht unbedingt normal anhörte, eher nach einem üblen Scherz, nach einer Person, die sich über mich lustig machen wollte. Doch, sonst hätte ich wohl aufgelegt, diese Stimme! Und dann fuhr die Frau schon fort: „Wie ist es denn? Ich habe Ihre Zeitung durchgeblättert, keine einzige Anzeige eines Beerdigungsinstituts, das muss sich ändern.“ Ob das TELTOWER STADT-BLATT auch Inserate von auswärts veröffentlichen würde. „Ja, warum auch nicht“, sagte ich. Und die Frau wiederholte protokollhaft: „Ja, warum auch nicht. Das hört sich gut an, da könnten wir wohl ins Geschäft kommen.“
„Wie groß soll die Anzeige denn sein?“ fragte ich.
„Vielleicht eine halbe Seite. Wenn Sie keine Wucherpreise verlangen.“
„Wo denken Sie hin“, sagte ich. „Wir nehmen Preise, die Sozialhilfe-Niveau haben.“
„Und wie sieht es mit Rabatt aus?“
„Auch der ist drin. Bei mehrmals.“
„Das hört sich gut an, unter dem machen wir es nämlich nicht“, sagte die Frau. „Das ist das erste, was mein Chef mich fragen wird, wir sind nun einmal ein Unternehmen, das effektiv arbeitet, jeder Sargnagel kostet.“
Wie gern hätte ich losgelacht, aber das wäre wohl nicht gut gewesen, womöglich sogar geschäftsschädigend, und so schwieg ich, und die Frau sagte: „Na gut, Sie hören von mir.“
Und sie hielt Wort. Am nächsten Tag schon meldete sie sich wieder, um für die nächste Ausgabe zu buchen. „Ein Versuch“, sagte sie. „Wenn dann ein paar Tote kommen, ich meine, deren letzte Abwicklungen Hoffnung auf weitere, zunehmende Aufträge machen, dann wird mein Chef geneigt sein, sogar für ein Jahr bei Ihnen zu buchen. Wenn, ich erwähnte unsere Gepflogenheit schon, ein paar Prozente mehr an Rabatt herausspringen. Ist da noch was zu machen?“
Welch ein erstaunlicher Geschäftssinn, weiß Gott, dies Beerdigungsinstitut stand im Leben: was für ein schmaler Grat zwischen Pietät und Tod. Als ich dies wie nebenher in die Muschel hineinmurmelte, wunderte sich die Frau, und es kam eine Antwort, die voll herzlicher Nachsicht war; zumindest klang dies so, und ich war geneigt, mich zu entschuldigen. „Haben Sie Nachsicht“, sagte ich, „bisher hatte ich keinen Umgang mit Institutionen, die sich geschäftlich mit dem letzten Gang zum Friedhof befassen.“
„Das haben Sie wundervoll gesagt“, sagte die Frau. „Aber bedenken Sie, wir leben wohl alle im Alltäglichen, und das scheint, zumindest bis zum übernächsten Tag, wichtigste Gültigkeit zu haben, ja, das triumphiert sogar über den Tod, der wohl mehr etwas vom Augenblick, dem Stillstand der Zeit hat, denn danach kommt gleich die Ewigkeit. Für den betroffenen Toten.“
Das war schon eine bemerkenswerte erste Lektion, die mir zuteil wurde, aber mir blieb keine Zeit, dies tiefer zu bedenken: wieder das Geräusch, das ich schon einmal gehört hatte, ein tiefes, seufzerhaftes Luftholen, wie in Atemnot, und dann lachte die Frau bereits gemütvoll, und ich vergaß, was da, irgendwie befremdlich, recht auffallend, an mein Ohr gedrungen war, und der Verdacht verlor sich, es mit jemandem zu tun zu haben, der mit mir einen Schabernack treibt. Jedoch, was jedesmal an kleinen Verrücktheiten kam, ich brauchte nur zuzuhören, und das tat ich gern, ja, darüber vergaß ich sogar, nach ihrem Namen zu fragen.
Und beim zweiten Gespräch war das, wie unangenehm, wieder der Fall. Sie meldete sich stets mit dem Namen ihres Beerdigungsinstituts, fragte fröhlich, wie zwitschernd, nach dem Wetter in Teltow, wollte wissen, was ich mittags gegessen habe, warnte mich vor der Pizza einer Firma, deren Namen ich noch nie gehört hatte, und dann war sie schon bei der Anzeige, die zu verändern sei. Farblich. Ebenso im Text, weil ihr Chef derzeit an Humorlosigkeit leide, es tränendrüsiger wolle, und um ihn aufzuheitern, habe sie ihm jüngst als Slogan vorgeschlagen: Ob Erde, Feuer, Wasser, wir lassen keinen im Stich. Aber er wolle das nicht. Seine Befürchtung: Bei solch einer Offerte werde keiner mehr Lust verspüren, sein Leben herzugeben.
Wie das doch klang. Wieder solch eine Verrücktheit, die mich entzückte, ich gebe es zu. Jedoch, das allein war es nicht. Wie die Stimme in mein Ohr doch eindrang, so sanft, so abgerundet, mit Seele, eine Stimme auf dem Weg zum Alt, leicht brüchig, wenn das Lachen sich ankündigte, sich kurzzeitig eine atemlose Spannung aufbaute, die dann überraschend in Harmonien einmündete, in einen Sprachfluss, den ich unmöglich unterbrechen wollte, und so vergaß ich auch beim dritten Anruf, nach ihrem Namen zu fragen, und so blieb sie für mich die Frau Beerdigungsinstitut. Ja, ich sprach sie gelegentlich sogar so an, und wir lachten beide darüber.
Da musste schon eine List her, um ihren Namen zu erfahren. Aber das wollte nicht gelingen. „Sie sind mir schon einer, bitte keine Annäherungsversuche“, sagte sie in solchen Momenten. „Bitte Vorsicht, ich habe es mit dem Tod zu tun, und Sie sind mein Propagandist, der den Ernstfall würdig abzurunden hilft, sozusagen ein Helfershelfer, der den Weg zu uns ebnet, wenn es hier oder dort zum Äußersten kommt. Und wer will sich schon erschrecken lassen von der unhygienischen Leibhaftigkeit des Todes? Dafür sind schließlich wir da.“ Und sie fügte abschließend nach: „So wollen wir es einmal ohne viel Wortklauberei stehen lassen, lieber Herr.“
Wieder dies gemütvolle Lachen, diese Gelassenheit in der Stimme, nun ganz Würde, die sich keine Blöße geben möchte, ein mitfühlender Hauch, der den Tonfall veränderte, herunterdrückte. Bald aber wieder mehr Frische in der Stimme, geradezu ein Anflug von Resolutheit, wie sich wehrend gegen aufkommende Gefühle. „Unsereins darf nicht hineinrutschen in den Schmerz“, sagte sie. „Das ist im Preis unserer Dienstleistungen nicht enthalten. Ja, soweit, so selig.“
Erneut dies Saugende, dies leicht Pfeifende, an das ich mich schon gewöhnt hatte. Nein, sagte sie, es komme eher darauf an, dem Tod nicht die kalte, sondern die warme Schulter zu zeigen. Wenn vor ihr die Kundschaft ihres Entsetzens kaum Herr würde, verweise sie stets auf die den Schmerz lindernde Zeremonie; lenke die Aufmerksamkeit hin auf die Qualität des Sarges, seines Holzes, des kernigen, dauerhaften Geruchs. Noch wichtiger sei es freilich, sich mit den Blumen zu befassen, deren Farben zu besprechen, Sorten auszuwählen, die sinnhaft den Abschied verschönten. Zu empfehlen seien, das werde mich gewiss verwundern, immer wieder Lilien. Denn welch eine Grazie diese Blume habe. Sogar noch absterbend, wenn die Blätter sich graziös herunterneigten, einrollten und die braunen Stempel, wie ihr Gesicht vorzeigend, darüber stolz, um so steiler aufragten. Eine Orgie voll morbider Schönheit, nicht unähnlich Musiknoten voll tanzendem Auf und Ab, so dass sich dem Betrachter bei längerem Hinschauen durchaus das Gefühl aufdränge, diese Töne zu hören. „Verstehen Sie recht, allein dieser Anblick lohnt auf solch einer Beerdigung, wer auch immer unter dem Blumenmeer atemlos da liegt.“
Doch sie wolle nicht allzu sehr darauf pochen, auf den zugewiesenen Platz solch eines Friedhofs. Ruhe der oder die Verstorbene nicht eher in den Köpfen der Überlebenden? „Oder irre ich mich darin“, rief sie, nun fast empört. „Ich irre mich nicht! Und darum bin ich wohl jemand, der, allen Geschäftsinteressen zum Trotz, den Tod weniger materiell sieht als mein Chef. Es gibt da doch noch die Ewigkeit.“ Die aber, das möchte sie mir ausdrücklich mitteilen, auch eine endliche nur sein könne. „Ja, so weit, so selig.“ Sie kam zurück auf die Anzeige, die unbedingt zu ändern sei. Ihr Chef wolle mehr trauernde Strenge hineingelegt wissen. Ob ich ahne, worauf es ankomme?
„Wie sollte ich.“
„Ja, wie sollten Sie. Nun gut, dann wollen wir dies möglichst bald und gründlich besprechen, ich melde mich zu dem Zwecke, sobald mein Chef sich zu diesem unergründlichen Verlangen tiefschürfend geäußert hat.“
Das war wieder ein Gespräch, das mir nicht aus dem Kopf ging, allein schon durch die ironische Umständlichkeit des Vortrags. Was für eine Frau. Wie mochte sie aussehen? Wie alt könnte sie sein? Ich entschloss mich, sie in dem Beerdigungsinstitut aufzusuchen, um mir vor Ort erklären zu lassen, worum es ihr bei der Anzeige abrundend ginge.
Zu solch einer Verabredung kam es jedoch nicht. Jedesmal, wenn ich mich telefonisch meldete, war ein Mann am Apparat, vermutlich der Chef, und ich legte auf, um mit ihm nicht über die trauernde Strenge sprechen zu müssen; das wollte ich doch lieber in amüsanterer Art mit der Frau Beerdigungsinstitut besprechen. Darüber vergingen Tage, sogar fast zwei Wochen, und ich musste endlich die Anzeigen fertig machen, und so rief ich erneut an. Aber wieder die humorlose Männerstimme, die so langsam, so gebethaft klang, als ginge es darum, einen sich anbahnenden Herzstillstand zu überstehen.
Mir blieb nichts anderes, als mich vorzustellen, und der Mann sagte darauf: „Ach ja. Jaja.“
Danach Schweigen, ein Räuspern. Nun war es an mir, nach der Frau zu fragen, deren Namen ich nie erfahren hatte. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte ich, „ist es vielleicht möglich, Ihre Mitarbeiterin zu sprechen?“
„Welche“, sagte der Mann erbarmungslos.
„Nun, die Dame, die sich sonst immer gemeldet hat, wenn ich wegen der Anzeige anrief.“
„Darüber können Sie mit mir reden“, sagte der Mann.
Dagegen gab es nichts einzuwenden, und so sprachen wir erst über das Geschäftliche, dann die Veränderungen, die es sein sollten, diesmal ein Spruch aus dem Neuen Testament. Ob ich das fehlerfrei zusagen könne. Andernfalls wünsche er eine Kopie per Fax.
„So oder so“, sagte ich, „beides ist möglich.“ Und ich bot an, mich bei seiner Mitarbeiterin zu melden, wenn es noch etwas gäbe.
„Frau Meckelheim steht nicht zur Verfügung“, sagte der Mann.
Und ich fragte: „Urlaub?“
„Nein“, sagte der Mann. Eine lange Weile nun Stille, nicht einmal ein Räuspern. „Ganz plötzlich“, sagte er. „Keiner hat was gewusst, nicht einmal ich. Ja, so ist das, sie steht nicht mehr zur Verfügung. Sie ist von uns gegangen, wie wir in unserer Branche zu sagen pflegen. Ja.“ Ein Seufzer. Ein hartes Knacken in der Hörmuschel.