"Sich auf den Weg machen und ankommen"
- Allgemeines
Unter diesem Thema veröffentlichen wir die Geschichte "Umwege" von unserer Gastautorin Ilse W. Blomberg und wünschen Ihnen, dass auch Sie angekommen sind.
Umwege
Ich habe das größte Verständnis für Menschen, die einen schlechten Orientierungssinn haben.
In meine Gene ist nämlich so ein Handycap eingepflanzt. Wen soll ich dafür verantwortlich machen? Meine Vorfahren? Tröstlich zu wissen ist allerdings, dass die meisten Frauen unter dieser Orientierungsschwäche leiden. Meine Kinder teilten mir einmal mit: Mama, wenn Du sagst, hier ist es richtig, dann ist es falsch und wenn Du sagst, hier ist es falsch, dann ist es richtig. Kein Mitgefühl für mich. Es wurde festgestellt und hingenommen.
Und ich habe es auch so hingenommen und bin nicht in Panik ausgebrochen, als ich z.B. zweimal hintereinander den richtigen Weg zum Elbtunnel verpasste. Ich wunderte mich auch nicht, dass ich mitten durchs Ruhrgebiet fuhr, obwohl ich eigentlich drum herum fahren wollte.
Aber ich habe auf solchen Fahrten auch hilfsbereite Menschen kennengelernt. Z.B in Mönchengladbach. Beim Erklären des Weges bot sich der freundliche Mann plötzlich an: „ Es wird wohl am besten sein, Sie fahren hinter mir her.“ Ich erinnere mich auch an einen Beamten der Straßenpolizei, hinter dem ich bis zur Autobahnauffahrt hinterher fahren durfte. Es war dunkel und regnerisch. Ich meine sogar, dass er Blaulicht oder Blinklicht eingeschaltet hatte.
Heute gibt es ja, Gott sei Dank, Navigatoren.
Natürlich sind sie manchmal vollkommen überflüssig, denkt man, weil man jeden Baum und Strauch in der Gegend kennt, die man befahren will. Im Sommer 2016 war ich auch von dieser Hybris befallen und ließ mein Navy in Ahlen. Ich hätte es in Jütland gebraucht.
Orientierungsschwäche kann aber und also nette Überraschungsmomente zur Folge haben. Man lernt hilfsbereite Menschen und hilfsbereite Polizeibeamte kennen, man lernt ein wundervolles Gefühl kennen, einfach hinter jemandem herfahren zu dürfen, ohne selbst denken zu müssen. Man lernt neue Gegenden kennen und verweilt auf lauschigen Rastplätzen, die man sonst nie aufgesucht hätte.
Ich kenne auch eine Geschäftsfrau, die auf solch einer „Irrfahrt“ ihren zweiten Mann kennengelernt hat.
Einen Mann fürs Leben hat meine Freundin zwar nicht kennengelernt, den brauchte sie auch nicht, aber einen wegweisenden Feuerwehrmann.
Und diese Geschichte erzähle ich jetzt. Sie ist wahr und richtig schön. Meine Freundin Waltraud war auf dem Weg von Ahlen nach Sendenhorst. Zum Südgraben wollte sie, denn da saßen wir Frauen vom Stickverein zusammen und warteten auf sie. Wir trafen uns wie immer einmal im Monat donnerstags um 9.30 Uhr. Nun war es schon 10.00 Uhr.
Wir telefonierten hinter ihr her, aber der Ruf blieb unbeantwortet. Dann – nun war noch eine halbe Stunde vergangen – schellte es und Waltraud kam ziemlich hastig herein: „Entschuldigt, entschuldigt!“
Was war geschehen? Sie erzählte:
„Ich war auf dem richtigen Weg. Ich wusste ja, dass Elisabeth aus ihrem Einfamilienhaus ausgezogen war und nun in Sendenhorst Mitte wohnt. Leider hatte ich mir weder Telefonnummer, noch die neue Anschrift notiert. Leider.
Denn ich beging einen schwerwiegenden Fehler. Ich hätte von der Durchgangsstraße nach links abbiegen müssen, bog aber nach rechts ab. Und da kam mir nichts bekannt vor. Ich hielt den Wagen an, stieg aus und fragte die erstbesten Leute nach der Familie Renberg. Diese kannten den Namen Renberg nicht und konnten mir nicht weiterhelfen. Eigentlich wollte ich schon wieder zurück nach Ahlen fahren, aber dann gaben mir die Leute einen Tipp. Ich solle zur Feuerwehr gehen, die wäre ja direkt vor meinen Augen. Wahrscheinlich könnten die mir weiterhelfen. Gesagt, getan. Ich ging zielgerichtet auf eine Tür des Feuerwehrgebäudes zu und öffnete sie. Ein junger Mann kam auf mich zu und fragte, wie er mir helfen könne.
Ich erzählte ihm meine Misere und dass ich mich hier in Sendenhorst wohl verfahren hätte.
„Ja, wo wollen Sie denn hin?“ ~ Ja, das ist ja mein Problem. Die Adresse habe ich mir nicht aufgeschrieben und auch nicht die Telefonnummer. Ist Ihnen der Name Renberg ein Begriff? ~ „Ja, den Namen habe ich schon einmal gehört, die wohnen hier. Ich glaube, ich weiß auch wo. Wissen Sie, Sie befinden sich genau auf der anderen Seite von Sendenhorst. Hier kommen Sie auch nicht weiter. Aber ich zeige es Ihnen.“
Erleichtert schaute sich unsere Freundin in der Halle der Feuerwehr um. Dieser interessierte Blick entging dem jungen Feuerwehrmann nicht. Und als Waltraud noch sagte, mein Bruder war auch bei der freiwilligen Feuerwehr, da stieg sie in seiner Achtung. Und sie so anerkennend - bot er ihr eine Führung durchs Haus an.
Er erklärte ihr die Funktion des Schlauchwagens, der auch im Katastrophenschutz eingesetzt werden kann, zeigte ihr das Löschfahrzeug mit Gruppenkabine für die Brandbekämpfung, den Mannschaftstransportwagen, das Tanklöschfahrzeug, den Gerätewagen und wies darauf hin, dass die Drehleiter einen Drei-Mann-Korb hat ~ und es gab noch mehr Fahrzeuge.
Waltraud war so beeindruckt, dass sie nicht zögerte, für die Arbeit der Feuerwehr zu spenden.
Das wäre ja schon ein ausgefüllter informativer Morgen gewesen. Hätte ja allein schon den Weg von Ahlen nach Sendenhorst gelohnt. Aber da waren ja noch die Stickfreundinnen. Und da wollte sie eigentlich hin.
Der junge Mann hatte den Anlass ihres Besuches natürlich auch noch im Kopf.
Er wollte ihr gerade den Weg erklären, griff schon zu Stadtplan und Stift, da überkam ihn die Überzeugung, dass seine Hilfe anderer Art sein müsse.
„Wissen Sie was, ich weiß ja, wo das ist. Ich fahre voraus und Sie hinter mir her. Dann haben Sie keine Probleme mehr.“ Dankbar nahm Waltraud diese Hilfe an. Am Südgraben angekommen , verabschiedete er sich mit folgendem Angebot:
„Wenn Sie wieder einmal zum Südgraben müssen, dann parken Sie doch vor meiner Garage. Da vorne wohne ich. Ich bin ja doch den ganzen Morgen weg.“
Ja, so kann es gehen:
Man muss nur links mit rechts verwechseln oder umgekehrt, dann begegnet man einem freundlichen Feuerwehrmann, bekommt eine Führung durch das Feuerwehrgebäude angeboten, lernt Einsatzfahrzeuge kennen, wird ohne viel nachdenken zu müssen, zum Ziel geführt und bekommt noch einen Dauerparkplatz zugewiesen.
Ilse Blomberg