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Zwischen uns gab es immer eine schöne Harmonie oder Mein Schulweg im Jahr 1923


Eine Geschichte von Ilse W. Blomberg, erzählt von Josefa Fröchte. Wir wünschen gute Unterhaltung!

Zwischen uns gab es immer eine schöne Harmonie
oder mein Schulweg 1923

Frau Josefa Fröchte erzählt:

Ich bin in Jahre 1917 geboren. Wir waren 9 Geschwister. Meine älteste Schwester ist 1911 geboren. Mein jüngster Bruder 1919. Es hat eine Zeit gegeben, da gingen 8 von uns gemeinsam zur Schule.
Wir standen um 6 Uhr auf. Vor der Schule war täglich die Heilige Messe. Um 8.oo Uhr fing die Schule an. Das hieß, früh heraus aus dem Haus. Im Sommer war es ja hell, aber im Winter war es dunkel, doch Angst kannte ich nicht. Wir waren ja immer viele Kinder. Zu uns 8 Geschwistern  kamen noch andere Kinder von den Höfen dazu. Ich stamme vom Hof Eiling in Enniger, Richtung Beckum. Unser Hof war der erste, bzw. der letzte Hof auf meinem Schulweg.

Mein Schulweg führte an dem heutigen Hof Friggemann vorbei. In den Feldern lag der Angelbach. Die Bauern hatten eine Holzbrücke über die Angel gebaut. Die überschritten wir und gingen dann quer durch die Felder. Heute ist da ein Wohngebiet. Wir gingen quer über die Felder auf die Kirche zu. Hier war unsere Schule an der Kirche.

Es war eine Einraumschule mit 4 Jahrgängen. Ich hatte 7 Jahre lang nur eine Lehrerin. Die Klassen 1 – 4 waren Jungen und Mädchen gemischt, aber dann ab Klasse 5 gab es nur Jungen- und Mädchenklassen. Die Jungen hatten auch ein eigenes Gebäude. An meine Lehrerin erinnere ich mich gern. Sie war gut und freundlich. Sie ging oft mit uns ins Freie. Im Sommer machten wir jeden Monat einen Ausflug. Wir gingen z.B. über Sommersell, bei Schulze-Brüning vorbei bis zur Waldmutter. Im Wald frühstückten wir. Das war schön. Aber das, woran ich mich am deutlichsten und auch am liebsten erinnere, ist mein Schulweg. Heute würde man ihn als beschwerlich bezeichnen, aber das empfand ich damals nicht so. Höchstens schon mal im kalten Winter, wenn ich auf dem Wagen fror. Ja, im Winter fuhren wir mit dem Federwagen zur Schule. Der hatte Eisenräder. Bei Schnee fuhren wir mit dem Pferdeschlitten. Im Sommer gingen wir zu Fuß.

Ich erzähle mal, wie wir im Winter zur Schule fuhren. Der älteste Bruder spannte den Moritz an. Der älteste Bruder lenkte auch den Wagen. Wir stiegen ein und los ging es. Wir waren warm angezogen. In den Holzschuhen steckten unsere Füße.                                                                                               

Wir trugen gestrickte Strümpfe aus schwarzer Wolle. Die Strümpfe strickte für  uns eine Frau aus dem Dorf. Sie betrieb einen Krämerladen und strickte. Als Entgelt bekam sie von unserer Mutter Naturalien, Butter, Eier, Speck. Also, wir saßen alle auf dem Wagen und unterwegs hielt mein Bruder ein paarmal an, denn es stiegen noch andere Kinder dazu, deren Höfe an unserem Schulweg lagen.

Dann saßen wir manchmal mit 15 Kindern im Wagen. Jede Seite des Wagens hatte eine Bank. Wir saßen auf den Bänken oder in der Mitte des Wagens.

An eine kleine Begebenheit auf dem Schulweg erinnere ich mich jetzt. Die Lisbeth war die Tochter einer Nachbarfamilie. Ihre Mutter war recht eigen und so wollte sie einmal nicht, dass die Lisbeth mit uns zur Schule fuhr. Aber Lisbeth wollte mit uns fahren und lief ihrer Mutter davon. Die Mutter lief hinter ihr her und rief: „Lisbeth, bleib stehen!“ Doch Lisbeth sprang auf unseren Wagen und guckte sich nicht um.

Wenn wir in Enniger ankamen, hielt mein Bruder den Moritz bei der Wirtschaft Austermann. Hier blieb das Pferd stehen und wir stiegen alle aus. Außer unseren Schulsachen hatten wir noch einen großen Korb mit Butterbroten dabei. Die Brote lagen uneingepackt lose in dem Korb. Unten in dem Korb war Pergamentpapier und über die Brote hatte unsere Mutter ein Tuch gelegt. Den Korb ließen wir bei Frau Broecker stehen. Frau Broecker war Hebamme im Dorf und unsere gute Bekannte. In der Zehn-Uhrs-Pause holten wir unsere Brote und frühstückten.

In der Zehn-Uhrs-Pause ging unser Bruder auch zu unserem Pferd und fütterte es.

Als ich noch im 1. und 2. Schuljahr war, musste ich oft auf die älteren Geschwister warten, die ja länger Unterricht hatten als ich. Ich wartete dann immer bei Frau Broecker, bis wir alle nach Hause fahren konnten. Schön waren auch die Fahrten zur Schule  mit dem Pferdeschlitten bei Schnee. Nur hier hatte ich schon  manchmal Angst, wenn die Pfannie, das war unser Pony, den Schlitten so zum Graben hinzog, aber passiert ist nichts. Im Sommer gingen wir die 5 Kilometer zu Fuß. Wir hatten im Sommer keine Holzschuhe an, sondern feste Lederschuhe. Auch im Sommer hatten wir lange gestrickte Strümpfe an. Bei Hitze trugen wir gar keine Strümpfe, dann hatten wir die Lederschuhe an unseren bloßen Füßen an. Wenn es warm war, machten wir immer an der Angel Rast. Hier zogen wir unsere Schuhe aus und badeten unsere Füße in dem Bach. Ach, war das eine Freude.

Ja ich erinnere mich gerne an die Schule und an meinen Schulweg. Ich erinnere mich gerne an alle meine Geschwister, die mit mir gingen und an die Kinder von den anderen Höfen. Zwischen uns gab es immer eine schöne Harmonie.

 

Diese Geschichte erschien im Buch "Tschüß, gnädige Frau"

 

Ilse W. Blomberg
ISBN-13: 978-3831121373